Zum Inhalt springen
EN

Hilft Ashwagandha bei „Nebennierenschwäche“ und Burnout?

Klinische Prüfung ausstehend

Ashwagandha kann bei stark gestressten Menschen das subjektive Stressempfinden lindern und möglicherweise Cortisol senken. Eine Wirksamkeit gegen „Nebennierenschwäche“ oder Burnout ist damit nicht belegt; bei niedrigen Cortisolwerten, Vorerkrankungen und langfristiger Einnahme bestehen offene Sicherheitsfragen.

Eine Pflanzenwurzel und grüne Blätter füllen eine transparente Kapsel auf Mintgrün.

Ashwagandha könnte das subjektive Stressempfinden lindern, besonders bei Menschen mit hoher Belastung. Dass die Pflanze auch Burnout behandelt oder eine vermeintlich erschöpfte Nebenniere wiederherstellt, ist damit nicht belegt. Dennoch wird sie häufig gegen Stress, Erschöpfung und sogenannte Nebennierenschwäche eingesetzt. Um einen möglichen Nutzen einzuschätzen, lohnt sich der Blick darauf, wer an den Studien teilgenommen hat, welche Wechselwirkungen möglich sind und was hinter der Erschöpfung steckt.

Was Ashwagandha im Körper tatsächlich bewirkt

Ashwagandha (Withania somnifera) gilt als pflanzliches Adaptogen. So werden Substanzen bezeichnet, die dem Körper helfen sollen, mit unterschiedlichen Belastungen umzugehen. Zu den aktiven Inhaltsstoffen gehören Withanolide, eine Gruppe steroidaler Lactone, die unter anderem in der Wurzel vorkommen. Sie beeinflussen verschiedene Signalwege, darunter die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, GABA-Rezeptoren und entzündliche Signalkaskaden.

Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, nach der englischen Bezeichnung kurz HPA-Achse, steuert einen wesentlichen Teil der körperlichen Stressreaktion. Bei einer Belastung setzt der Hypothalamus das Corticotropin-Releasing-Hormon frei. Dieses signalisiert der Hypophyse, das adrenocorticotrope Hormon ACTH auszuschütten. ACTH regt wiederum die Nebennierenrinde zur Cortisolproduktion an. Cortisol stellt Energie bereit, dämpft Entzündungen und unterstützt die Reaktion auf die Belastung.

Bei einer funktionierenden Regulation steigt Cortisol bei Bedarf an und fällt wieder ab, wenn die Belastung nachlässt. Chronischer Stress kann diesen Regelkreis aus dem Gleichgewicht bringen. Mögliche Folgen sind anhaltend erhöhte Cortisolwerte oder ein abgeschwächter Cortisolverlauf. Auch Müdigkeit, schlechter Schlaf, Konzentrationsprobleme und Störungen der Immunfunktion können damit einhergehen.

Ashwagandha scheint auf die Cortisolausschüttung zu wirken und möglicherweise die negative Rückkopplung in Hypothalamus und Hypophyse zu verstärken. Damit ist gemeint, dass bereits vorhandenes Cortisol dem Gehirn signalisiert, die weitere Produktion zu drosseln. Außerdem wird Ashwagandha eine GABAerge Aktivität zugeschrieben: Es könnte die beruhigende Wirkung von GABA verstärken, dem wichtigsten hemmenden Botenstoff im Gehirn. Diese möglichen Wirkungen auf die HPA-Achse und das GABA-System liefern eine mechanistische Erklärung für den Einsatz bei stressbezogenen Beschwerden.

Der Begriff „Nebennierenschwäche“ beziehungsweise „adrenal fatigue“ legt nahe, dass die Nebennieren erschöpft seien und nicht mehr ausreichend Cortisol bilden könnten. Dieses Konzept wird von der Endokrinologie nicht gestützt. Eine tatsächliche Nebenniereninsuffizienz ist dagegen eine ernsthafte Erkrankung mit nachweisbar unzureichender Cortisolversorgung. Sie erfordert eine Hormonersatztherapie. Morbus Addison ist eine Form der primären Nebenniereninsuffizienz.

Als andere Erklärung für Beschwerden, die häufig „Nebennierenschwäche“ genannt werden, wird eine Dysregulation der HPA-Achse angeführt. Gemeint ist eine gestörte Signalübertragung zwischen Gehirn und Nebennieren bei weiterhin funktionsfähigen Drüsen. Aus den Beschwerden allein lässt sich eine solche Störung jedoch nicht diagnostizieren.

Was klinische Studien zu Ashwagandha und Stress tatsächlich zeigen

Eine häufig angeführte Untersuchung ist die randomisierte kontrollierte Studie von Lopresti und Kollegen aus dem Jahr 2019, veröffentlicht in Medicine. Ihrer hier noch ungeprüften Beschreibung zufolge nahmen Erwachsene mit chronischem Stress täglich 600 mg Ashwagandha-Wurzelextrakt über acht Wochen ein. Das Cortisol im Blutserum sei gegenüber Placebo um etwa 28 % gesunken. Außerdem hätten die Teilnehmenden deutlich niedrigere Werte auf validierten Fragebögen wie der Perceived Stress Scale und der Hamilton Anxiety Rating Scale berichtet. Diese standardisierten Instrumente erfassen wahrgenommenen Stress beziehungsweise Angstsymptome.

Beschrieben wird auch ein dosisabhängiger Effekt: Höhere Dosen hätten Stress und Angst stärker verringert. Unklar bleibt allerdings, wie die Teilnehmenden ausgewählt wurden. Neben der Beschreibung als Erwachsene mit chronischem Stress findet sich die Angabe, die Auswahl sei nicht gezielt anhand hoher Stressbelastung erfolgt. Das ist für die Einordnung relevant, weil die cortisolsenkende Wirkung bei erhöhtem Ausgangsstress oder erhöhtem Cortisol ausgeprägter zu sein scheint.

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse aus dem Jahr 2021 im Journal of Ethnopharmacology soll zwölf randomisierte kontrollierte Studien ausgewertet haben. Der berichteten Zusammenfassung zufolge senkte Ashwagandha die Cortisolwerte gegenüber Placebo statistisch signifikant und verbesserte die Werte für Stress und Angst. Die Cortisolwirkung war jedoch nicht in allen Studien einheitlich: In einigen Untersuchungen verbesserte sich das subjektive Stressempfinden, ohne dass sich Cortisol signifikant veränderte.

Am stärksten ist die Evidenz für eine Verringerung des subjektiv empfundenen Stresses bei Menschen, die bereits stark belastet sind. Die berichtete Cortisolsenkung fällt mäßig aus und scheint bei normalen Ausgangswerten auszubleiben. Daraus lässt sich keine gesicherte Regel für einzelne Personen ableiten. Auch auf „Nebennierenschwäche“ lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres übertragen. Die Studien untersuchten die Nebennierenfunktion nicht unmittelbar; weder eine Nebenniereninsuffizienz noch eine HPA-Achsen-Dysfunktion war bei den Teilnehmenden anhand objektiver Kriterien diagnostiziert worden.

Wie Ashwagandha die HPA-Achse und die Cortisolregulation beeinflusst

Präklinischen Untersuchungen zufolge beeinflussen Withanolide die Aktivität von Genen, die an der Stressantwort beteiligt sind. Zudem könnten sie Glucocorticoidrezeptoren empfindlicher machen. An diese Rezeptoren bindet Cortisol, um seine Wirkung auszuüben. Als Beleg wird eine Literaturübersicht von 2024 angeführt.

Reagieren die Rezeptoren in Hypothalamus und Hypophyse empfindlicher auf zirkulierendes Cortisol, könnte sich die negative Rückkopplung verstärken: Die weitere Cortisolproduktion würde gebremst, sobald ausreichend Cortisol vorhanden ist. Präklinische Ergebnisse beschreiben hier einen möglichen Mechanismus. Eine entsprechende Wirkung beim Menschen ist damit noch nicht belegt.

Ein weiterer möglicher Ansatzpunkt ist die GABAerge Aktivität von Ashwagandha. GABA verringert die Erregbarkeit von Nervenzellen und wirkt dadurch beruhigend auf das Nervensystem. Wenn Ashwagandha diese Hemmung verstärkt, könnte das sowohl das Stressempfinden als auch die Aktivierung der HPA-Achse bei Belastungen verringern. Als Vergleich wird die Wirkung von Benzodiazepinen herangezogen, wobei Ashwagandha eine deutlich schwächere Wirkung zugeschrieben wird.

Daneben gibt es Hinweise auf entzündungshemmende Eigenschaften, die die Funktion der HPA-Achse indirekt unterstützen könnten. Chronische Entzündungen können die Signalübertragung über Glucocorticoidrezeptoren beeinträchtigen und so die Achse aus dem Gleichgewicht bringen. Außerdem können vermehrt entzündungsfördernde Zytokine entstehen. Diese Botenstoffe des Immunsystems regen die Cortisolausschüttung an. Weniger Entzündung könnte daher theoretisch dazu beitragen, die HPA-Achse wieder normal zu regulieren.

Zur längerfristigen Einnahme werden allerdings auch Fallberichte über eine mögliche Unterdrückung der HPA-Achse angeführt. In einem 2021 im Journal of Clinical Endocrinology beschriebenen Fall habe ein Patient nach mehreren Monaten Ashwagandha-Einnahme eine biochemisch nachweisbare Nebenniereninsuffizienz entwickelt, die sich nach dem Absetzen zurückgebildet habe. „Biochemisch“ bedeutet, dass entsprechende Auffälligkeiten in Laborwerten festgestellt wurden. Ein weiterer Fallbericht aus dem Jahr 2022 habe eine verminderte Nebennierenfunktion nach zehn Wochen Einnahme beschrieben. Nach einer zweiwöchigen Pause sei sie reversibel gewesen.

Sollten sich diese Berichte bestätigen, könnten sie darauf hindeuten, dass die cortisolsenkende Wirkung bei manchen Menschen übermäßig ausfällt und die HPA-Achse unterdrückt. Wie häufig eine solche Wirkung auftritt, lässt sich aus Fallberichten nicht bestimmen.

Modulation der GABA-Rezeptoren und angstlösende Wirkungen

Die mögliche GABAerge Aktivität könnte erklären, warum Ashwagandha anxiolytische, also angstlösende, Wirkungen zugeschrieben werden. Eine verstärkte GABA-Aktivität senkt die Erregbarkeit von Nervenzellen und kann beruhigend wirken. Auch Benzodiazepine und Alkohol beeinflussen das GABA-System. Für Ashwagandha wird eine deutlich schwächere Wirkung mit geringerem Risiko für Abhängigkeit oder Sedierung beschrieben; dieser Vergleich ist jedoch nicht hinreichend abgesichert. Sedierung bezeichnet eine Dämpfung von Wachheit und Aufmerksamkeit, die sich etwa als Schläfrigkeit äußern kann.

Empfindlichkeit der Glucocorticoidrezeptoren und negative Rückkopplung

Empfindlichere Glucocorticoidrezeptoren würden stärker auf das bereits zirkulierende Cortisol reagieren. Falls Ashwagandha diese Empfindlichkeit erhöht, könnte es dadurch die negative Rückkopplung verstärken. Das Signal, die weitere Cortisolproduktion zu hemmen, würde dann bei ausreichenden Mengen deutlicher ausfallen.

Dosierung, Präparateform und Einnahmezeit: Was die Evidenz unterstützt

Die meisten klinischen Studien untersuchten standardisierte Extrakte, kein unbehandeltes Ashwagandha-Pulver. Zu den am häufigsten untersuchten Extrakten gehören KSM-66 und Sensoril. KSM-66 wird als Vollspektrum-Wurzelextrakt beschrieben, der mit einem wasserbasierten Verfahren hergestellt und auf mindestens 5 % Withanolide standardisiert ist. Sensoril ist ein Wurzel- und Blattextrakt, der nach den vorliegenden Angaben 10 % Withanolide und 32 % Oligosaccharide enthält und mit einem anderen Verfahren gewonnen wird. Oligosaccharide sind kurzkettige Kohlenhydrate.

Beide Extrakte wurden in klinischen Studien mit positiven Ergebnissen eingesetzt. Sie sind jedoch nicht ohne Weiteres austauschbar. Sowohl die Zusammensetzung der Withanolide als auch ihre Bioverfügbarkeit unterscheiden sich, also der Anteil, der im Körper verfügbar wird. KSM-66 wurde den beschriebenen Untersuchungen zufolge stärker im Zusammenhang mit Stress und Cortisol untersucht, Sensoril eher hinsichtlich Angst und kognitiver Funktionen. Beim Vergleich von Präparaten sind deshalb der verwendete Extrakt und sein Withanolid-Gehalt wichtig.

Als am häufigsten untersuchter Dosisbereich werden 300–600 mg standardisierter Extrakt täglich genannt. Die bereits erwähnte Studie von 2019 mit einer deutlichen Cortisolsenkung soll 600 mg einmal täglich eingesetzt haben. Beschrieben werden Hinweise auf eine dosisabhängige Wirkung, bei der höhere Dosen Stress und Cortisol stärker verringerten. Die Sicherheit von mehr als 600 mg täglich ist jedoch nicht umfassend untersucht. Eine formell festgelegte tolerierbare obere Aufnahmemenge gibt es den vorliegenden Angaben zufolge nicht. Höhere Dosen wurden mit häufigeren Magen-Darm-Beschwerden in Verbindung gebracht.

Ashwagandha kann grundsätzlich zu unterschiedlichen Tageszeiten eingenommen werden. Manche Menschen empfinden es als leicht schläfrig machend und bevorzugen deshalb den Abend. Eine Aufteilung auf morgens und abends könnte theoretisch eine gleichmäßigere Wirkung gegen Stress über den Tag ermöglichen. Geht es um besseren Schlaf, könnte die gesamte Dosis am Abend günstiger sein. Überzeugende Belege dafür, dass die Einnahmezeit die Wirksamkeit wesentlich verändert, fehlen jedoch. Verträglichkeit und persönliche Präferenz spielen daher eine wichtige Rolle.

Einige Studien kombinierten Ashwagandha mit anderen Adaptogenen oder Nährstoffen. In einer beschriebenen Untersuchung von 2020 wurde es zusammen mit Rhodiola, auch Rosenwurz genannt, und B-Vitaminen eingesetzt. Dabei hätten sich Stress und Müdigkeit verbessert. Ob diese Kombination wirksamer war als Ashwagandha allein, bleibt offen: Eine Vergleichsgruppe, die ausschließlich Ashwagandha erhielt, fehlte.

Wer am ehesten von Ashwagandha profitiert und wann Vorsicht geboten ist

Am ehesten sind Vorteile bei Menschen mit hoher Ausgangsstressbelastung und erhöhtem Cortisol zu erwarten. Die Studien mit deutlichen Cortisolsenkungen sollen Personen mit chronischem Stress eingeschlossen haben, deren Belastung anhand validierter Stressskalen erfasst wurde. Bei bereits niedrigen oder normalen Cortisolwerten wird ein relevanter Nutzen als unwahrscheinlich eingeschätzt; eine weitere Absenkung könnte in einzelnen Fällen möglich sein. Für einzelne Personen lässt sich daraus keine verlässliche Vorhersage ableiten.

In einigen Studien erhöhte Ashwagandha die Schilddrüsenhormonwerte. Das könnte bei einer subklinischen Hypothyreose von Interesse sein, also einer beginnenden Schilddrüsenunterfunktion, bei der die freien Schilddrüsenhormone noch im Referenzbereich liegen. Bei normaler oder bereits gesteigerter Schilddrüsenfunktion kann eine weitere Erhöhung dagegen problematisch sein. Hierzu wird eine Studie zur subklinischen Hypothyreose angeführt. Wer Levothyroxin oder andere Schilddrüsenmedikamente einnimmt, muss mögliche Veränderungen der Hormonwerte berücksichtigen; sie könnten eine ärztliche Anpassung der Behandlung erforderlich machen.

Aufgrund seiner möglichen GABAergen Wirkung kann Ashwagandha außerdem mit beruhigenden Substanzen wie Benzodiazepinen, Barbituraten und Alkohol wechselwirken. Eine Kombination könnte Schläfrigkeit verstärken und die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Auch Wechselwirkungen mit Immunsuppressiva sind denkbar. Die immunmodulierenden Eigenschaften von Ashwagandha könnten theoretisch einer Behandlung entgegenwirken, die das Immunsystem gezielt unterdrückt.

In Schwangerschaft und Stillzeit wird Ashwagandha wegen unzureichender Sicherheitsdaten nicht empfohlen. Auch bei Autoimmunerkrankungen wird wegen einer möglichen Stimulation des Immunsystems von der Einnahme abgeraten, wobei die Evidenz dazu uneinheitlich ist. Bei früheren Magengeschwüren ist Vorsicht geboten, da Ashwagandha bei manchen Menschen die Magen-Darm-Schleimhaut reizen könnte.

Die beschriebenen Fallberichte über eine Unterdrückung der Nebennierenfunktion werfen zudem Fragen zur längerfristigen Einnahme auf, insbesondere bei höheren Dosen. Als mögliche Vorsichtsmaßnahmen werden regelmäßige Einnahmepausen oder Cortisolkontrollen vorgeschlagen. Dass sie eine Unterdrückung der HPA-Achse zuverlässig verhindern oder erkennen, ist jedoch nicht belegt.

Die Stressreaktion untersuchen: Was Biomarker über die HPA-Funktion aussagen

Ob Laboruntersuchungen vor einer Einnahme von Ashwagandha gegen Stress oder Burnout sinnvoll sind, hängt von den Beschwerden und der klinischen Fragestellung ab. Gegebenenfalls können Cortisol und weitere Laborwerte als Ausgangswerte dienen. Cortisol im Blutserum wird häufig gemessen, schwankt aber stark. Der Wert hängt unter anderem von der Tageszeit und kürzlich erlebtem Stress ab. Ein einzelner morgendlicher Cortisolwert kann Hinweise auf ausgeprägte Auffälligkeiten liefern, bildet die Funktion der gesamten HPA-Achse jedoch nicht vollständig ab.

Je nach Fragestellung können neben Cortisol weitere Marker für Entzündungen und Stoffwechselgesundheit zur Einordnung beitragen:

Eine erneute Cortisolmessung nach 8–12 Wochen kann zeigen, ob sich der gemessene Wert während der Einnahme verändert hat. Sie belegt allein weder die Wirksamkeit von Ashwagandha noch, dass die Einnahme die Veränderung verursacht hat. Zum Gesamtbild gehören ebenso das subjektive Stressempfinden, die Schlafqualität und das Energieniveau. Diese können sich verbessern, auch wenn sich Cortisol nicht signifikant verändert.

Bei einem vermuteten Problem der HPA-Regulation kommen in der Diskussion auch weiterführende Untersuchungen vor. Ein Speichel-Cortisol-Tagesprofil mit vier Messpunkten erfasst Cortisol morgens, mittags, abends und nachts. Es bildet den tageszeitlichen, auch diurnalen, Verlauf ab. Dabei können beispielsweise ein abgeschwächter morgendlicher Anstieg, erhöhte Abendwerte oder eine insgesamt flachere Tageskurve sichtbar werden. Solche Muster werden mit chronischem Stress und Burnout in Verbindung gebracht; als Beleg wird eine Metaanalyse von 2017 zu Cortisol-Tagesverläufen und gesundheitlichen Ergebnissen angeführt. Speichel-Cortisoltests sind allerdings nicht einheitlich standardisiert, und ihre Interpretation kann schwierig sein. Sie diagnostizieren für sich genommen weder Burnout noch eine unspezifische HPA-Achsen-Dysregulation.

Der ACTH-Stimulationstest wird als Goldstandard zur Diagnose einer Nebenniereninsuffizienz beschrieben. Dabei wird geprüft, wie die Nebennieren auf eine gezielte hormonelle Stimulation reagieren. Für eine unspezifisch bezeichnete HPA-Achsen-Dysregulation wird der Test nicht routinemäßig eingesetzt, da dieses Beschwerdekonzept in der klinischen Praxis nicht klar definiert ist. Bei ausgeprägter Müdigkeit, niedrigem Blutdruck, Gewichtsverlust und einem sehr niedrigen morgendlichen Cortisolwert kann er im Rahmen der ärztlichen Abklärung sinnvoll sein, um eine Nebenniereninsuffizienz wie Morbus Addison zu untersuchen.

Ein realistisches Bild der körperlichen Stressreaktion gewinnen

Ashwagandha gehört zu den vielversprechenderen Nahrungsergänzungsmitteln zur Verringerung von Stress. Ob die Einnahme im Einzelfall sinnvoll ist, lässt sich jedoch nicht allein am Gefühl der Erschöpfung festmachen. Cortisolregulation, Entzündungen und Stoffwechsel können zum Gesamtbild beitragen. Häufig bleibt bei einer Einnahme unbekannt, ob Cortisol erhöht, niedrig oder im normalen Bereich liegt.

Wenn Laboruntersuchungen medizinisch angezeigt sind, können Ausgangswerte und eine erneute Untersuchung nach 8–12 Wochen Veränderungen dokumentieren und die weitere Beurteilung unterstützen. Ob eine Maßnahme tatsächlich hilft oder ein anderer Ansatz nötig ist, hängt zusätzlich davon ab, wie sich die Beschwerden entwickeln und wie sie medizinisch einzuordnen sind.

Häufig gestellte Fragen

Was unterscheidet „Nebennierenschwäche“ von einer Dysregulation der HPA-Achse?

„Nebennierenschwäche“ unterstellt, die Nebennieren seien erschöpft und könnten nicht mehr ausreichend Cortisol produzieren. Dieses Konzept wird von der Endokrinologie nicht gestützt. Eine tatsächliche Nebenniereninsuffizienz ist dagegen eine diagnostizierbare Erkrankung mit unzureichender Cortisolversorgung, die eine Hormonersatztherapie erfordert. Morbus Addison ist eine Form davon.

Eine Dysregulation der HPA-Achse beschreibt eine veränderte Steuerung zwischen Gehirn und Nebennieren. Dabei könnten die Cortisolwerte erhöht sein, schwächer auf Belastungen reagieren oder ihren üblichen Tagesrhythmus verlieren, ohne dass die Drüsen selbst versagen. Müdigkeit oder Stressbeschwerden allein reichen jedoch nicht aus, um eine solche Störung festzustellen.

Hilft Ashwagandha, wenn Cortisol bei Burnout bereits niedrig ist?

Ein relevanter Nutzen ist in dieser Situation nicht belegt und wird bei bereits niedrigem Cortisol oder einem abgeschwächten Cortisolverlauf als unwahrscheinlich eingeschätzt. Zugleich besteht die Sorge, dass Ashwagandha die HPA-Achse weiter unterdrücken könnte. Dazu werden Fallberichte angeführt, in denen sich nach längerfristiger Einnahme moderater Dosen eine biochemisch nachweisbare Nebenniereninsuffizienz entwickelt habe, die nach dem Absetzen zurückgegangen sei. Die konkreten Literaturbelege fehlen allerdings.

Eine morgendliche Cortisolmessung kann bei entsprechender medizinischer Fragestellung Hinweise auf auffällige Werte geben. Sie kann allein nicht vorhersagen, ob Ashwagandha helfen wird oder Müdigkeit verschlimmern könnte. Burnout bedeutet zudem nicht automatisch, dass Cortisol niedrig ist.

Welche Ashwagandha-Dosis ist bei chronischem Stress und Burnout am wirksamsten?

Eine eindeutig wirksamste Dosis lässt sich nicht bestimmen, insbesondere nicht zur Behandlung von Burnout. In Studien zu Stress und Cortisol wurden häufig 300–600 mg standardisierter Wurzelextrakt täglich verwendet. Für eine randomisierte kontrollierte Studie von 2019 wird berichtet, dass 600 mg einmal täglich über acht Wochen zu einer Cortisolsenkung von etwa 28 % geführt hätten.

Es gibt Hinweise auf dosisabhängige Effekte. Für mehr als 600 mg täglich liegen jedoch weniger Sicherheitsdaten vor, und höhere Mengen wurden mit mehr Magen-Darm-Beschwerden in Verbindung gebracht. Auch beim Vergleich von Präparaten reicht die Milligrammangabe allein nicht aus: Sie lässt sich nur zusammen mit der Art und Standardisierung des Extrakts sinnvoll einordnen.

Woran lässt sich erkennen, ob Müdigkeit durch eine gestörte Cortisolregulation oder etwas anderes entsteht?

An den Beschwerden allein lässt sich das nicht zuverlässig unterscheiden. Eine veränderte Cortisolregulation kann mit schlechtem Schlaf, Konzentrationsproblemen und verstärkten Reaktionen auf Stress einhergehen. Sehr ähnliche Beschwerden können auch bei Schilddrüsenstörungen, Eisenmangel, niedrigem Vitamin D, gestörter Blutzuckerregulation oder chronischen Entzündungen auftreten.

Zur Abklärung können je nach Fragestellung Cortisol, TSH, freies T3, freies T4, Nüchternglucose, Insulin, hs-CRP und ein umfassendes Stoffwechselprofil beitragen. Solche Werte zeigen jedoch nicht automatisch, welcher körperliche Mechanismus die Müdigkeit verursacht oder ob Ashwagandha diesen gezielt beeinflussen würde. Welche Untersuchungen sinnvoll sind, richtet sich nach den Beschwerden und dem ärztlichen Befund.

Kann eine langfristige Einnahme von Ashwagandha die Nebennierenfunktion unterdrücken?

Eine solche Wirkung wird bei einzelnen Menschen als möglich beschrieben. Angeführte Fallberichte betreffen eine biochemisch nachweisbare Nebenniereninsuffizienz mit niedrigen Cortisolwerten nach mehreren Monaten Einnahme; die Beschwerden hätten sich nach dem Absetzen zurückgebildet. Demnach könnte die cortisolsenkende Wirkung bei empfindlichen Personen über eine Normalisierung hinausgehen und die HPA-Achse unterdrücken.

Bei längerfristiger Einnahme hoher Dosen wird das Risiko als möglicherweise größer eingeschätzt. Als Vorsichtsmaßnahmen werden regelmäßige Pausen oder Cortisolkontrollen vorgeschlagen. Wie häufig eine solche Unterdrückung auftritt und ob diese Maßnahmen davor schützen, lässt sich aus den vorliegenden Informationen jedoch nicht bestimmen.

Wie trägt die GABAerge Wirkung von Ashwagandha zur Stresslinderung bei?

GABA ist der wichtigste hemmende Botenstoff im Gehirn. Ashwagandha könnte die GABA-vermittelte Hemmung verstärken, Nervenzellen dadurch weniger erregbar machen und das Stressempfinden dämpfen. Der Vergleich mit Benzodiazepinen beruht auf diesem möglichen Einfluss auf das GABA-System; die Wirkung von Ashwagandha wird dabei als deutlich schwächer beschrieben. Ein pauschaler Ausschluss eines Abhängigkeitsrisikos ist nicht belegt.

Die Hypothese lautet, dass eine geringere erregende Reaktion des Gehirns auf Belastungen auch die Aktivierung der HPA-Achse abschwächen könnte. Das könnte zu weniger wahrgenommenem Stress und im Verlauf zu einer geringeren Cortisolausschüttung beitragen.

Sind Einnahmepausen sinnvoll, um eine Unterdrückung der HPA-Achse zu vermeiden?

Ob solche Pausen notwendig sind oder eine Unterdrückung verhindern, ist nicht abschließend geklärt. Die meisten Studien dauern nur 8–12 Wochen. Als typische Pausenmuster werden zwei Wochen Einnahme mit einer Woche Pause oder drei Monate Einnahme mit einem Monat Pause vorgeschlagen. Für diese Zeitpläne fehlen jedoch belastbare Belege.

Die theoretische Begründung lautet, eine verminderte Rezeptorempfindlichkeit zu verhindern und der HPA-Achse Zeit zur Erholung zu geben. Angesichts der beschriebenen Fallberichte werden regelmäßige Pausen als mögliche Vorsichtsmaßnahme angeführt, besonders wenn die Wirkung nach mehreren Monaten nachlässt oder die Müdigkeit zunimmt. Dass dadurch ein „Reset“ der HPA-Achse gelingt, ist ebenfalls nicht belastbar belegt.

Welche Biomarker können vor einer Einnahme helfen, die Stressreaktion zu verstehen?

Je nach Beschwerden können morgendliches Serumcortisol, hs-CRP, TSH, freies T3 und T4 sowie Nüchternglucose und Insulin zur medizinischen Einordnung beitragen. Morgendliches Serumcortisol wird als gut zugänglicher Marker der HPA-Achse beschrieben. hs-CRP gibt Hinweise auf systemische Entzündungen, die die Cortisol-Signalübertragung beeinflussen können.

Schilddrüsenwerte helfen bei der Abklärung einer Funktionsstörung, deren Symptome denen einer vermeintlichen „Nebennierenschwäche“ ähneln können. Nüchternglucose und Insulin liefern Informationen über den Zuckerstoffwechsel, der unter anderem durch anhaltend erhöhtes Cortisol beeinflusst werden kann.

Zusammen können die Werte Hinweise auf verschiedene mögliche Zusammenhänge geben: eine veränderte Stresshormonregulation, Schilddrüsenprobleme, Stoffwechselstörungen oder Entzündungen. Diese erfordern jeweils eine andere Beurteilung und gegebenenfalls Behandlung. Die Laborwerte allein legen jedoch weder die Ursache der Beschwerden noch eine geeignete Therapie fest. Eine routinemäßige Bestimmung aller genannten Marker vor jeder Einnahme lässt sich aus den vorliegenden Informationen nicht begründen.

Literatur und Quellen

  • Lopresti AL, Smith SJ, Malvi H, Kodgule R (2019). An investigation into the stress-relieving and pharmacological actions of an ashwagandha (Withania somnifera) extract: A randomized, double-blind, placebo-controlled study. Medicine, 98(37), e17186. https://doi.org/10.1097/MD.0000000000017186. PubMed.
  • Yadav N, Tripathi S, Sangwan NS (2024). Phyto-therapeutic potential of Withania somnifera: Molecular mechanism and health implications. Phytotherapy research : PTR, 38(3), 1695-1714. https://doi.org/10.1002/ptr.8100. PubMed.
  • Bernasconi AA, Wiest MM, Lavie CJ, Milani RV, Laukkanen JA (2021). Effect of Omega-3 Dosage on Cardiovascular Outcomes: An Updated Meta-Analysis and Meta-Regression of Interventional Trials. Mayo Clinic proceedings, 96(2), 304-313. https://doi.org/10.1016/j.mayocp.2020.08.034. PubMed.
  • Sharma AK, Basu I, Singh S (2018). Efficacy and Safety of Ashwagandha Root Extract in Subclinical Hypothyroid Patients: A Double-Blind, Randomized Placebo-Controlled Trial. Journal of alternative and complementary medicine (New York, N.Y.), 24(3), 243-248. https://doi.org/10.1089/acm.2017.0183. PubMed.
  • Adam EK, Quinn ME, Tavernier R, McQuillan MT, Dahlke KA, Gilbert KE (2017). Diurnal cortisol slopes and mental and physical health outcomes: A systematic review and meta-analysis. Psychoneuroendocrinology, 83, 25-41. https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2017.05.018. PubMed.

Weitere Informationsseiten des ursprünglichen Anbieters zu Biomarkern; diese sind keine wissenschaftlichen Primärbelege: