Corticotropin (ACTH): Wirkung, Anwendungsgebiete und Nebenwirkungen
Klinische Prüfung ausstehend
Corticotropin regt die körpereigene Steroidproduktion an und wird bei bestimmten entzündlichen und hormonellen Erkrankungen eingesetzt. Ein Überblick über Wirkung, US-Zulassung und Risiken.
Corticotropin, auch ACTH genannt, regt die Nebennieren dazu an, Cortisol und verwandte Steroidhormone zu bilden. Als Arzneimittel kommt es unter anderem bei infantilen Spasmen, einer schweren Form von Krampfanfällen im Säuglingsalter, und bei akuten Schüben der Multiplen Sklerose zum Einsatz. Wirkung und Nebenwirkungen ähneln teilweise denen von Kortikosteroiden. Die hier beschriebenen Zulassungen beziehen sich auf die USA.
Was ist Corticotropin?
Corticotropin heißt ausgeschrieben adrenocorticotropes Hormon, kurz ACTH. Die Hypophyse, also die Hirnanhangsdrüse, bildet dieses Hormon aus 39 Aminosäuren. Es regt die Nebennieren an, Cortisol und verwandte Steroidhormone zu produzieren.
Ein Präparat ist Acthar Gel, früher H.P. Acthar Gel. Es enthält gereinigtes Corticotropin vom Schwein in einer lang wirkenden Gelatinezubereitung. In den USA wird außerdem Purified Cortrophin Gel vertrieben. Corticotropin zählt zu den ältesten biologischen Arzneimitteln: Seine Anwendung reicht bis in die frühen 1950er-Jahre zurück. Es wird bei verschiedenen entzündlichen und hormonellen Erkrankungen eingesetzt.
Wie wirkt Corticotropin?
Corticotropin regt die Steroidproduktion an und wirkt auch direkt auf Immunzellen und andere Zellen. Dabei bindet es an unterschiedliche Melanocortin-Rezeptoren, also Bindungsstellen auf der Zelloberfläche:
| Wirkungsweise | Bindungsstelle | Wirkung |
|---|---|---|
| Klassische Wirkung | Melanocortin-2-Rezeptor auf der Nebennierenrinde | Regt die Nebennieren an, Cortisol, Corticosteron und andere Steroidhormone zu bilden und freizusetzen. Ein großer Teil der entzündungshemmenden Wirkung entsteht so über die körpereigene Steroidproduktion. |
| Direkte Wirkung | Melanocortin-Rezeptoren auf Immunzellen und anderen Zellen | Hemmt Entzündungen und beeinflusst die Immunreaktion auch unabhängig von Steroiden. Diese Beeinflussung heißt Immunmodulation. |
Diese beiden Wirkungswege könnten mit erklären, weshalb Corticotropin in bestimmten Behandlungssituationen weiterhin eingesetzt wird. Aus dem Mechanismus allein lässt sich jedoch kein Vorteil gegenüber synthetischen Steroiden ableiten. Bei infantilen Spasmen beendete hoch dosiertes ACTH in einer kontrollierten Studie die Spasmen wirksamer als Prednison. Dieser Vergleich betrifft die in der Studie untersuchte Behandlung. 1
Weil Corticotropin die körpereigene Steroidproduktion anregt, können auch ähnliche Nebenwirkungen wie bei Kortikosteroiden auftreten.
Ist Corticotropin von der FDA zugelassen?
Ja. Acthar Gel ist seit 1952 von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen. Die ausdrückliche Zulassung für infantile Spasmen folgte 2010. Die US-Fachinformation nennt zahlreiche Anwendungsgebiete; Corticotropin hat eine lange Anwendungsgeschichte und wirkt in vieler Hinsicht ähnlich wie Steroide. 2
Wofür wird Corticotropin verschrieben?
In den USA wird Corticotropin bei folgenden Erkrankungen und in folgenden Behandlungssituationen verschrieben:
- Infantile Spasmen bei kleinen Kindern
- Akute Schübe der Multiplen Sklerose
- Nephrotisches Syndrom
- Als kurzzeitige ergänzende Behandlung bei verschiedenen rheumatischen Erkrankungen, Kollagenosen, Hauterkrankungen, allergischen Erkrankungen, Augenerkrankungen und weiteren entzündlichen Erkrankungen, einschließlich symptomatischer Sarkoidose
Die Kosten sowie die steroidähnlichen Wirkungen und Nebenwirkungen begrenzen den Einsatz meist auf bestimmte Behandlungssituationen.
Welche Nebenwirkungen können auftreten?
Die Fachinformation nennt folgende häufige Nebenwirkungen:
- Reaktionen an der Injektionsstelle
- Müdigkeit
- Flüssigkeitseinlagerungen und Schwellungen
- Schlafprobleme und Kopfschmerzen
- Erhöhter Blutzucker
Bei Säuglingen, die wegen infantiler Spasmen behandelt werden, treten unter anderem folgende Nebenwirkungen häufig auf:
- Infektionen
- Krampfanfälle
- Bluthochdruck
- Reizbarkeit
- Fieber
Zu den schwerwiegenderen Risiken zählen:
- Eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, weil die Behandlung das Immunsystem unterdrückt
- Eine unterdrückte Nebennierenfunktion, die sich beim Absetzen der Behandlung bemerkbar machen kann
- Gehemmtes Wachstum bei Kindern sowie Magen-Darm-Blutungen