Schweres COVID-19: Was Blutwerte über den Verlauf aussagen
Klinische Prüfung ausstehend
Wie NLR, CRP, Ferritin und weitere Blutmarker bei COVID-19 eingeordnet werden, welche Veränderungen mit schweren Verläufen zusammenhängen und was die Interpretation begrenzt.
Blutwerte wie CRP, Ferritin und das Verhältnis von neutrophilen Granulozyten zu Lymphozyten (NLR) können helfen, das Risiko eines schweren COVID-19-Verlaufs einzuschätzen. Erhöhte oder steigende Werte können auf eine stärkere Entzündungsreaktion hinweisen und mit einem höheren Risiko zusammenhängen. Ein einzelner Wert erlaubt jedoch keine sichere Vorhersage. Entscheidend sind auch Alter, Begleiterkrankungen, Medikamente und der bisherige Krankheitsverlauf.
Was Blutmarker über einen schweren Verlauf verraten
Bei schwerem COVID-19 können Blutwerte Hinweise auf eine überschießende Entzündung, Veränderungen der Blutgerinnung und Organschäden geben. Sie helfen damit einzuschätzen, wie stark die Erkrankung den Körper belastet.
Zu den Entzündungsmarkern gehören C-reaktives Protein (CRP), Interleukin-6 (IL-6) und Ferritin. Die Leber und aktivierte Immunzellen bilden diese Stoffe; erhöhte Werte können eine verstärkte Immunreaktion anzeigen. Gerinnungsmarker wie D-Dimer und Fibrinogen liefern dagegen Informationen über Vorgänge im Gerinnungssystem. Welche Rückschlüsse auf die Bildung und den Abbau von Blutgerinnseln möglich sind, hängt vom jeweiligen Marker ab.
Andere Werte können auf Zell- oder Organschäden hinweisen: Laktatdehydrogenase (LDH), kardiales Troponin, die Leberenzyme AST und ALT sowie Kreatinin. Je nach Marker geht es dabei um Schäden oder Belastungen von Lunge, Herz, Leber oder Nieren. Auch die weißen Blutkörperchen können sich verändern. Eine niedrige Zahl an Lymphozyten, die sogenannte Lymphopenie, kann auf eine beeinträchtigte Immunabwehr hinweisen. Den Zusammenhang von Lymphopenie und Neutrophilie mit Krankheitsschwere und Sterblichkeit untersucht die Meta-Analyse von Henry et al. (2020).
Zusammen mit dem klinischen Befund können solche Blutwerte helfen, eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen. Wiederholte Messungen zeigen, wie sich die Werte verändern. Das kann die Entscheidung unterstützen, wie dringend eine Behandlung ist, wie engmaschig überwacht werden sollte und welche unterstützende Versorgung nötig ist.
Warum Entzündungsmuster helfen, eine Verschlechterung einzuschätzen
NLR, CRP und Ferritin beschreiben unterschiedliche Seiten der Immunreaktion. Gemeinsam können sie Hinweise darauf geben, wie stark die schnelle, angeborene Abwehr aktiviert ist und wie ausgeprägt die Entzündung im Körper ist. CRP und Ferritin gehören zudem zur Akutphasenreaktion: So heißt die frühe Antwort des Körpers auf eine Entzündung. Dabei kann sich unter anderem die Eisenspeicherung verändern; auch oxidativer Stress kann zunehmen. Solche Veränderungen stehen mit Lungenschäden, einem erhöhten Gerinnungsrisiko und der Belastung mehrerer Organe in Zusammenhang.
Als grobe Orientierung werden ein NLR von etwa 1–3, ein sehr niedriges CRP und Ferritin im mittleren Bereich des geschlechtsspezifischen Referenzintervalls als günstiges Muster beschrieben. Für Ferritin werden ungefähr 50–300 bei Männern und 20–200 bei Frauen genannt. Bei diesen Angaben fehlt jedoch die Einheit. Sie eignen sich deshalb nicht zum Vergleich mit einem Laborbefund. Kinder haben häufig einen etwas niedrigeren NLR-Ausgangswert.
Ein allgemeingültiger „Optimalwert“ für den COVID-19-Verlauf lässt sich daraus nicht ableiten. Niedriges CRP kann für geringe Entzündungsaktivität sprechen. NLR- und Ferritinwerte im unteren bis mittleren Referenzbereich können ebenfalls zu einem günstigen Gesamtbild passen. Ob die adaptive, also gezielte, Immunabwehr gut erhalten ist, zeigen diese Werte allein aber nicht. Ein sehr niedriger NLR kann mit einer relativ hohen Lymphozytenzahl gegenüber den neutrophilen Granulozyten zusammenhängen; über die absolute Lymphozytenzahl sagt das Verhältnis allein nichts Sicheres aus. Ein niedriges CRP kann darauf hindeuten, dass entzündungsfördernde Botenstoffe, die Zytokine, seine Bildung nur wenig anregen.
Ein niedriger Ferritinwert weist eher auf Eisenmangel als auf eine schwere virusbedingte Entzündung hin. Eisenmangel kann Müdigkeit, Atemnot bei Belastung, Herzklopfen und Kopfschmerzen verursachen. Das kann es erschweren, Beschwerden während einer Infektion einzuordnen. In der Schwangerschaft kommen niedrige Ferritinwerte häufig vor: Der Eisenbedarf steigt, und das größere Flüssigkeitsvolumen verdünnt das Blut.
NLR, CRP und Ferritin helfen so, Immunreaktion, Entzündung und Eisenstoffwechsel gemeinsam zu betrachten. Weitere Werte ergänzen dieses Bild: D-Dimer gibt Hinweise auf Gerinnungsprozesse, LDH sowie AST und ALT können auf Gewebeschäden hinweisen, und Hämoglobin ist für den Sauerstofftransport wichtig. Der Zusammenhang zwischen D-Dimer, Krankheitsschwere und Todesfällen bei COVID-19 ist Gegenstand der Übersichtsarbeit von Varikasuvu et al. (2021).
Die Muster dieser Werte können auch bei der Einschätzung möglicher Komplikationen helfen, etwa wenn Entzündung und Gerinnung einander verstärken. Dafür wird der Begriff Thromboinflammation verwendet. Offen bleibt, wie zuverlässig sich aus den Werten eine Belastung des Herzens, eine verlängerte Erholung oder andere längerfristige Risiken vorhersagen lassen.
Was diese Blutuntersuchung vorhersagen kann und was nicht
Blutwerte können Hinweise auf ein erhöhtes Risiko geben und helfen, den Verlauf einer COVID-19-Erkrankung zu verfolgen. Sie zeigen jedoch nicht sicher, ob eine bestimmte Person schwer erkranken wird. Auch für weiterreichende Fragen, etwa nach Folgen für den Energiehaushalt, den Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System, geistige Fähigkeiten oder die reproduktive Gesundheit, lässt sich aus diesen Werten allein keine verlässliche Prognose ableiten.
Im Mittelpunkt stehen hier NLR, CRP und Ferritin. Sie liefern unterschiedliche Informationen und müssen entsprechend eingeordnet werden.
Der NLR setzt die Zahl neutrophiler Granulozyten ins Verhältnis zur Zahl der Lymphozyten. Beide gehören zu den weißen Blutkörperchen. Ein höherer NLR kann auf eine aktivierte Immunantwort und verstärkte Entzündung hinweisen, wie sie bei schwerem COVID-19 häufig auftreten. Die systematische Übersichtsarbeit von Li et al. (2020) untersucht den NLR im Zusammenhang mit Krankheitsschwere und Sterblichkeit.
CRP bildet die Leber als Reaktion auf Entzündung. Erhöhte Werte sprechen für eine Entzündungsreaktion; den Zusammenhang mit schwerem COVID-19 behandelt die Meta-Analyse von Yamada et al. (2020). Ferritin speichert Eisen, steigt aber auch bei Entzündungen an. Ein erhöhter Wert kann daher eine stärkere Immunaktivierung widerspiegeln und muss im Zusammenhang mit dem Eisenstatus betrachtet werden.
Werte innerhalb der Referenzbereiche können mit einer begrenzten Entzündungsaktivität vereinbar sein. Sie bestätigen für sich genommen weder eine stabile Immunabwehr noch eine gute körperliche Belastbarkeit. Erhöhte Werte, insbesondere in Kombination, können dagegen auf ein größeres Komplikationsrisiko hinweisen. Eine übermäßige Entzündung kann die Funktion von Organen beeinträchtigen und die Erholung erschweren. Mit Biomarkern bei schweren und tödlichen COVID-19-Verläufen befasst sich die systematische Übersichtsarbeit von Melo et al. (2021).
Bei der Einordnung zählen außerdem Alter, Schwangerschaft, chronische Erkrankungen, kürzlich durchgemachte Infektionen und bestimmte Medikamente. Auch Labormethoden und Referenzbereiche unterscheiden sich. Ein Laborwert erhält deshalb erst zusammen mit diesen Angaben und dem bisherigen Krankheitsverlauf seine Bedeutung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine Blutuntersuchung zur Einschätzung eines schweren COVID-19-Verlaufs?
Dabei werden ausgewählte Blutwerte gemessen, die Hinweise auf die Immun- und Entzündungsreaktion bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 geben. Gemeint sind hier NLR, also das Verhältnis von neutrophilen Granulozyten zu Lymphozyten, sowie CRP und Ferritin. Gemeinsam können sie zeigen, wie stark das Immunsystem beansprucht wird und ob eine Entzündung im gesamten Körper beziehungsweise eine Akutphasenreaktion vorliegt. Solche Veränderungen stehen mit dem Risiko eines schweren Verlaufs in Zusammenhang, erlauben aber keine sichere individuelle Vorhersage.
Warum kann eine solche Blutuntersuchung sinnvoll sein?
Sie kann helfen, das Risiko eines schweren Verlaufs einzuschätzen und die Erkrankung sowie die Erholung zu verfolgen. Erhöhte NLR-, CRP- und Ferritinwerte können auf eine fehlregulierte Entzündungsreaktion und eine beeinträchtigte Immunabwehr hinweisen, die mit Komplikationen zusammenhängen. Zusammen mit den Symptomen können die Messwerte und ihre Entwicklung ein genaueres Bild des Verlaufs ergeben.
Ist eine Blutuntersuchung zu Hause möglich?
Eine professionelle Blutentnahme ist grundsätzlich auch zu Hause möglich. Dabei lassen sich Proben für NLR, CRP und Ferritin entnehmen. Die Ergebnisse müssen anschließend zusammen mit Beschwerden, Vorerkrankungen und dem bisherigen Verlauf eingeordnet werden. Ob eine Blutentnahme zu Hause angeboten wird, hängt vom jeweiligen Anbieter und Ort ab.
Wie oft sollten die Werte bestimmt werden?
Wie oft eine Messung sinnvoll ist, hängt vom Krankheitsverlauf und davon ab, ob eine zunehmende Entzündung vermutet wird. Eine Ausgangsmessung bei vermuteter oder bestätigter Infektion kann als Vergleich für spätere Messungen dienen, sofern eine Untersuchung angezeigt ist. Im klinischen Verlauf ist die Entwicklung der Werte häufig aussagekräftiger als ein einzelner Befund. Daraus folgt jedoch kein festes Messintervall und auch keine Empfehlung, bei jedem Infektionsverdacht diese Werte bestimmen zu lassen.
Was kann die Biomarkerwerte beeinflussen?
Neben einer akuten Infektion können kürzlich erfolgte Impfungen, chronisch-entzündliche Erkrankungen, Lebererkrankungen, der Eisenstatus, Krebs, Schwangerschaft, Rauchen und Stress die Werte verändern. Auch Medikamente spielen eine Rolle: Steroide, Adrenalin und weitere Arzneimittel können den NLR erhöhen. Eine Eisentherapie erhöht Ferritin; starke körperliche Belastung kann CRP vorübergehend ansteigen lassen.
Ist vor der Blutuntersuchung auf NLR, CRP und Ferritin eine besondere Vorbereitung nötig?
Für diese Werte ist es nicht erforderlich, nüchtern zu bleiben. Zur Vorbereitung gehören eine normale Flüssigkeitszufuhr und der Verzicht auf ungewöhnlich anstrengende körperliche Aktivität unmittelbar vor der Blutentnahme. Für die spätere Einordnung sind Angaben zu kürzlich durchgemachten Infektionen, Impfungen, Eisenpräparaten und entzündungshemmenden Medikamenten wichtig, da sie die Ergebnisse beeinflussen können.
Können Veränderungen des Lebensstils die Biomarkerwerte beeinflussen?
Ja, solche Veränderungen können sich über Wochen bis Monate in den Werten zeigen. NLR, CRP und Ferritin spiegeln unter anderem Entzündungen im Körper und das Zusammenspiel verschiedener Immunreaktionen wider. Eine bessere Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Gesundheit kann mit niedrigeren CRP- und Ferritin-Ausgangswerten sowie einem NLR im Referenzbereich einhergehen. Ein niedrigerer Ferritinwert ist allerdings kein allgemeines Gesundheitsziel, denn er kann auch auf Eisenmangel hinweisen. Während einer akuten COVID-19-Erkrankung prägt vor allem die Infektion die Veränderungen dieser Werte.
Wie lassen sich die Ergebnisse einordnen?
Ein höherer NLR bedeutet, dass auf die Zahl der Lymphozyten eine größere Zahl neutrophiler Granulozyten entfällt. Das kann zu einer Entzündungsreaktion passen, bei der neutrophile Granulozyten überwiegen; ein solches Muster wird bei schweren Erkrankungen beobachtet. Ein hohes CRP spricht für eine aktive Entzündung im Körper. Hohes Ferritin kann eine Akutphasenreaktion und eine verstärkte Speicherung beziehungsweise Bindung von Eisen widerspiegeln.
Bei COVID-19 können höhere oder weiter ansteigende Werte mit einem größeren Risiko für einen schweren Verlauf zusammenhängen. Zur Einordnung gehören deshalb sowohl der Referenzbereich des Labors als auch die Entwicklung über die Zeit. Alter, Begleiterkrankungen, Medikamente und der klinische Verlauf bleiben dabei wesentlich: Die Blutwerte allein bestimmen die Prognose nicht.
Quellen
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- Melo AKG, Milby KM, Caparroz ALMA, Pinto ACPN, Santos RRP, Rocha AP, Ferreira GA, Souza VA, Valadares LDA, Vieira RMRA, Pileggi GS, Trevisani VFM (2021). Biomarkers of cytokine storm as red flags for severe and fatal COVID-19 cases: A living systematic review and meta-analysis. PLOS ONE, 16(6), e0253894. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0253894 PubMed
- Varikasuvu SR, Varshney S, Dutt N, Munikumar M, Asfahan S, Kulkarni PP, Gupta P (2021). D-dimer, disease severity, and deaths (3D-study) in patients with COVID-19: A systematic review and meta-analysis of 100 studies. Scientific Reports, 11(1), 21888. https://doi.org/10.1038/s41598-021-01462-5 PubMed
- Henry BM, Cheruiyot I, Vikse J, Mutua V, Kipkorir V, Benoit J, Plebani M, Bragazzi N, Lippi G (2020). Lymphopenia and neutrophilia at admission predicts severity and mortality in patients with COVID-19: A meta-analysis. Acta Bio-Medica, 91(3), e2020008. https://doi.org/10.23750/abm.v91i3.10217 PubMed
- Yamada T, Wakabayashi M, Yamaji T, Chopra N, Mikami T, Miyashita H, Miyashita S (2020). Value of leukocytosis and elevated C-reactive protein in predicting severe coronavirus 2019 (COVID-19): A systematic review and meta-analysis. Clinica Chimica Acta, 509, 235-243. https://doi.org/10.1016/j.cca.2020.06.008 PubMed