Graue Haare: Ursachen, Nährstoffmängel und die Rolle von Blutwerten
Klinische Prüfung ausstehend
Warum Haare grau werden, welche Rolle Gene, Stress und Nährstoffmängel spielen und was Blutwerte erklären können. Mit Grenzen der bisherigen Erkenntnisse zur Rückkehr der Haarfarbe.
Haare werden grau, wenn die pigmentbildenden Zellen im Haarfollikel, die Melanozyten, ihre Funktion verlieren. Wann das beginnt, bestimmen vor allem die Gene. Oxidativer Stress, Nährstoffmängel und chronische Entzündungsprozesse könnten dazu beitragen, dass die Farbe früher oder schneller verloren geht. Lässt sie sich zurückbringen? Für genetisch und altersbedingt graue Haare ist das klinisch nicht belegt. Nach der Behandlung eines nachgewiesenen Nährstoffmangels kehrte die Farbe in einzelnen Fällen zurück.
Auch wer früh ergraut, hat häufig eine genetische Veranlagung dazu. Ein Mangel an Vitamin B12, niedrige Eisenspeicher und Störungen der Schilddrüsenfunktion werden ebenfalls mit frühem oder ausgeprägtem Ergrauen in Verbindung gebracht. Für Vitamin D ist dieser Zusammenhang weniger gut belegt als für B12 oder Eisen. Blutwerte können helfen, solche möglichen Begleitfaktoren zu erkennen. Ob eine Untersuchung sinnvoll ist, hängt auch davon ab, wie rasch sich die Haarfarbe verändert und ob weitere Beschwerden auftreten. Eine feste Regel, nach der deutliches Ergrauen vor Mitte 30 eine Laboruntersuchung erfordert, ist nicht belegt.
Was führt dazu, dass Haare grau werden?
Ihre Farbe erhalten Haare durch Melanin. Spezialisierte Zellen an der Basis jedes Haarfollikels, die Melanozyten, bilden dieses Pigment und geben es während des Wachstums in den entstehenden Haarschaft ab. Arbeiten die Zellen nicht mehr ausreichend oder kann der Follikel sie nicht mehr erneuern, wachsen Haare ohne Pigment nach. Sie erscheinen grau oder weiß.
Die Gene beeinflussen, wie schnell der Vorrat an Melanozyten-Stammzellen mit der Zeit abnimmt. Aus diesen Stammzellen entstehen neue pigmentbildende Zellen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Forschung auch oxidativen Stress, entzündliche Signalwege und verschiedene Nährstoffmängel als mögliche Mitursachen für frühes oder beschleunigtes Ergrauen beschrieben. Blutuntersuchungen können bestimmte Mängel und andere körperliche Einflussfaktoren aufdecken. Was im Haarfollikel selbst geschieht, lässt sich damit nicht unmittelbar messen.
Warum Haare grau werden: die zugrunde liegenden Mechanismen
1. Erschöpfung des Vorrats an Melanozyten-Stammzellen
Jeder Haarfollikel besitzt Melanozyten-Stammzellen, aus denen in jedem Haarzyklus neue pigmentbildende Zellen entstehen. Mit der Zeit nimmt dieser Vorrat ab. Ein Teil der Stammzellen entwickelt sich vorzeitig zu spezialisierten Zellen weiter oder stirbt durch Apoptose, den programmierten Zelltod, statt sich selbst zu erneuern. Ist der Vorrat aufgebraucht, fehlen dem Follikel die Zellen, aus denen er neue Melanozyten bilden könnte. Die nächsten Haare wachsen ohne Pigment.
Wie schnell das geschieht, ist weitgehend genetisch bestimmt. Deshalb ähneln sich die Muster des Ergrauens innerhalb einer Familie häufig. Auch das Alter, in dem die ersten grauen Haare auftreten, gehört zu den stark erblichen Haareigenschaften. Studie zu genetischen Einflüssen auf Haareigenschaften.
2. Oxidativer Stress und die Anreicherung von Wasserstoffperoxid
Schon bei der Bildung von Melanin entstehen reaktive Sauerstoffverbindungen. Diese Nebenprodukte können Zellen schädigen; Melanozyten sind dafür besonders anfällig. Mit zunehmendem Alter lässt die antioxidative Abwehr nach. Dadurch kann die oxidative Belastung rund um den Haarfollikel zunehmen.
Ein untersuchter Mechanismus ist die Ansammlung von Wasserstoffperoxid im Haarschaft. Es kann Melanin von innen ausbleichen und Enzyme beeinträchtigen, die neues Pigment bilden helfen. Untersuchungen zeigen außerdem, dass ergrauende Follikel weniger Katalase bilden. Dieses Enzym baut Wasserstoffperoxid ab. Untersuchung zu Wasserstoffperoxid und Ergrauen.
Eine erhöhte oxidative Belastung im gesamten Körper könnte den lokalen Prozess verstärken. Mit dem Blutwert hs-CRP lässt sich das jedoch nicht direkt erfassen: Er zeigt Entzündungsaktivität an. Ob er als indirekter Hinweis auf oxidative Belastung bei grauen Haaren hilfreich ist, ist nicht belegt.
3. Vitamin-B12-Mangel
Ein Mangel an Vitamin B12 gehört zu den ernährungsbezogenen Faktoren, die die Fachliteratur besonders häufig mit vorzeitigem Ergrauen in Verbindung bringt. Das gilt vor allem für jüngere Menschen. Retrospektive Untersuchung zu B12, Ferritin und Schilddrüsenfunktion.
Der Körper braucht B12, um DNA herzustellen und Zellen zu vermehren. Davon hängt auch die fortlaufende Erneuerung der Melanozyten im Haarfollikel ab. Ein Mangel könnte den Erhalt der Melanozyten-Stammzellen beeinträchtigen und so dazu beitragen, dass der Follikel seine Fähigkeit zur Pigmentbildung schneller verliert.
Fallberichte und Beobachtungsstudien beschreiben, dass sich Haare nach dem Ausgleich eines B12-Mangels bei manchen Betroffenen teilweise oder vollständig wieder pigmentierten. Das geschah allerdings nicht durchgängig. Bei Verdacht auf einen Mangel wird üblicherweise zunächst Vitamin B12 im Serum gemessen. Sind die Werte grenzwertig und besteht der Verdacht weiterhin, kann eine Messung der Methylmalonsäure empfindlicher anzeigen, ob dem Körper für seine Stoffwechselvorgänge ausreichend B12 zur Verfügung steht.
4. Eisenmangel
Bei Menschen mit vorzeitigem Ergrauen stellten mehrere Beobachtungsstudien häufiger einen Eisenmangel fest als bei gleichaltrigen Kontrollpersonen. Ein Eisenmangel wird auch mit einer verminderten Aktivität der Melanozyten in Verbindung gebracht. Untersuchung zu Einflussfaktoren auf vorzeitiges Ergrauen.
Als mögliche Erklärung wird eine Rolle von Eisen als Cofaktor der Melaninsynthese diskutiert: Es soll Enzyme bei den Schritten unterstützen, die Tyrosin in Melanin umwandeln. Welche Rolle Eisen dabei genau spielt, ist in diesem Zusammenhang noch zu klären.
Ferritin gibt Auskunft über die Eisenspeicher. Der Wert kann bereits niedrig sein, obwohl das Hämoglobin noch im normalen Referenzbereich liegt. Ein übliches Blutbild allein reicht deshalb nicht aus, um verminderte Eisenspeicher zu erkennen; eine Ferritinbestimmung kann die Abklärung ergänzen.
5. Funktionsstörungen der Schilddrüse
Eine Unterfunktion wie auch eine Überfunktion der Schilddrüse können mit Veränderungen der Haarstruktur und der Pigmentierung einhergehen. Schilddrüsenhormone beeinflussen den Haarwachstumszyklus und die Arbeit der Melanozyten. Vor allem bei einer Unterfunktion können die Haare insgesamt dünner werden; in manchen Fällen ergrauen sie auch früher oder schneller. Untersuchung zu vorzeitigem Ergrauen und Schilddrüsenfunktion.
Als Erklärung wird vermutet, dass Schilddrüsenhormone den Zellstoffwechsel und antioxidative Signalwege im Follikel beeinflussen. Kommen zum frühen Ergrauen Müdigkeit, ausgeprägte Kälteempfindlichkeit oder unerklärliche Gewichtsveränderungen hinzu, ist eine Abklärung der Schilddrüse angezeigt. Zu den vorrangigen Blutwerten gehören TSH und freies T4. Bei Verdacht auf eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung können außerdem Schilddrüsenantikörper relevant sein, insbesondere TPO- und Thyreoglobulin-Antikörper.
6. Vitamin-D-Mangel
Haarfollikel besitzen Rezeptoren für Vitamin D. Das Vitamin ist am Haarwachstumszyklus und an der Entwicklung der Keratinozyten beteiligt, also der hornbildenden Zellen im Follikel. Ein Mangel wird mit Haarausfallerkrankungen in Verbindung gebracht, darunter Alopecia areata, der kreisrunde Haarausfall. Systematische Übersicht und Metaanalyse zu Vitamin D bei Alopecia areata.
Für vorzeitiges Ergrauen gibt es ebenfalls Hinweise auf einen Zusammenhang mit Vitamin D. Sie sind allerdings weniger belastbar als die Befunde zu B12 oder Eisen. Die verlinkte Übersicht untersucht kreisrunden Haarausfall und liefert keinen direkten Beleg für einen Zusammenhang mit grauen Haaren.
Ein Vitamin-D-Mangel kommt häufig vor und lässt sich durch eine Blutuntersuchung erfassen. Gemessen wird üblicherweise 25-OH-Vitamin D. Beides allein begründet aber keinen routinemäßigen Test bei vorzeitigem Ergrauen. Auch mehr als 30 ng/mL lassen sich hier nicht als allgemein gültige Grenze für eine ausreichende Versorgung angeben.
7. Chronischer psychischer Stress
Dass Haare unter Stress früher grau werden, ist eine verbreitete Beobachtung. Die Forschung des vergangenen Jahrzehnts hat einen möglichen biologischen Ablauf genauer beschrieben: Akuter psychischer Stress aktiviert den Sympathikus, einen Teil des autonomen Nervensystems. Rund um den Haarfollikel wird daraufhin Noradrenalin freigesetzt. Es kann Melanozyten-Stammzellen dazu bringen, sich rasch zu spezialisierten Zellen weiterzuentwickeln. Für die spätere Erneuerung stehen sie dann nicht mehr zur Verfügung. Direkt nachgewiesen wurde dieser Ablauf in Tierversuchen. Studie zur Aktivierung sympathischer Nerven und zum Verlust von Melanozyten-Stammzellen.
Im Tiermodell beschleunigte die stressbedingte Noradrenalinfreisetzung den Verlust der Stammzellen. Der Vorrat erholte sich auch nach dem Ende der Stressbelastung nicht. Daraus lässt sich jedoch nicht unmittelbar ableiten, ob und in welchem Umfang stressbedingtes Ergrauen beim Menschen rückgängig werden kann.
Chronischer Stress kann außerdem den Cortisolspiegel erhöhen, Entzündungsprozesse im Körper fördern und die oxidative Belastung steigern. Diese Vorgänge könnten die direkten Auswirkungen auf den Haarfollikel verstärken.
8. Autoimmunmechanismen
Alopecia areata und Vitiligo können mit einem fleckigen oder ausgedehnten Verlust der Haarpigmentierung einhergehen. Dabei spielen immunvermittelte Prozesse eine Rolle. Eine mögliche Erklärung ist eine durch T-Zellen vermittelte Reaktion gegen Melanozyten im Haarfollikel oder in der Oberhaut, bei der die pigmentbildenden Zellen zerstört werden. Dieser Ablauf darf jedoch nicht pauschal beiden Erkrankungen zugeschrieben werden. Die Prozesse unterscheiden sich zudem vom altersbedingten Ergrauen.
Eine Abklärung auf Autoimmunerkrankungen kann sinnvoll sein, wenn zum frühen Ergrauen weitere Auffälligkeiten kommen, etwa Vitiligo-Flecken, unerklärlicher Haarausfall, Gelenkbeschwerden oder eine Schilddrüsenerkrankung. Je nach Beschwerden und ärztlichem Verdacht kommen Schilddrüsenantikörper oder antinukleäre Antikörper (ANA) als Untersuchungen infrage. Graue Haare allein begründen kein routinemäßiges ANA-Screening.
Welche Biomarker kommen bei vorzeitigem Ergrauen für eine Untersuchung infrage?
Blutuntersuchungen können einige Nährstoffmängel und hormonelle Störungen erkennen, die mit vorzeitigem Ergrauen zusammenhängen. Bei deutlichem Ergrauen vor Mitte 30 oder einer raschen Veränderung in jedem Alter lässt sich eine ärztliche Abklärung besprechen. Die Altersangabe ist keine validierte Schwelle für Labortests. Welche Werte weiterhelfen, hängt vom Verlauf und von zusätzlichen Beschwerden ab.
- Vitamin B12 im Serum gibt Auskunft über die B12-Versorgung. Ein Mangel wird mit vorzeitigem Pigmentverlust in Verbindung gebracht.
- Ferritin hilft, die Eisenspeicher zu beurteilen. Sie können bereits vermindert sein, bevor sich das im Blutbild zeigt.
- TSH hilft bei der Beurteilung der Schilddrüsenfunktion. Eine Unterfunktion kann mit Haarveränderungen einhergehen.
- 25-OH-Vitamin D zeigt den Vitamin-D-Status an. Haarfollikel besitzen zwar Vitamin-D-Rezeptoren; das allein belegt aber nicht, dass ein niedriger Wert das Ergrauen verursacht.
- hs-CRP erfasst Entzündungsaktivität im Körper. Dass der Wert bei der Abklärung grauer Haare als indirekter Hinweis auf oxidative Belastung nützt, ist nicht belegt.
- Hämoglobin und MCV helfen, eine Anämie zu beurteilen, und ergänzen Ferritin bei der Abklärung des Eisen- und B12-Status. MCV bezeichnet das mittlere Volumen der roten Blutkörperchen.
Lässt sich das Ergrauen verlangsamen oder rückgängig machen?
Für genetisch bedingtes Ergrauen und den altersbedingten Verlust der Melanozyten gibt es derzeit keine klinischen Belege dafür, dass sich die Haarfarbe wiederherstellen lässt. Anders können einzelne Fälle verlaufen, in denen ein behandelbarer Mangel vorliegt, insbesondere an B12 oder Eisen: Nach dessen Ausgleich wurde beschrieben, dass das Ergrauen teilweise zum Stillstand kam oder die Pigmentierung zurückkehrte. Das betraf vor allem jüngere Menschen, deren Haare erst seit Kurzem grau geworden waren. Eine verlässliche Rückkehr der Farbe lässt sich daraus nicht ableiten.
Ein solcher Ansatz setzt voraus, dass eine Untersuchung den Mangel bestätigt. Einen Mangel lediglich zu vermuten und auf dieser Grundlage Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, verspricht wenig Nutzen und kann zu unnötiger Einnahme führen.
Hängt das Ergrauen mit einer Schilddrüsenstörung zusammen, kann sich der Verlauf stabilisieren, wenn sich die Schilddrüsenfunktion normalisiert. Das geschieht jedoch nicht bei allen Betroffenen. Eine Abklärung kann helfen, behandelbare Begleitfaktoren zu erkennen, auch wenn die Haarfarbe unverändert bleibt.
Frühes Ergrauen: Was einzelne Befunde bedeuten
Die klinische Literatur bezeichnet Ergrauen bei weißen Menschen vor dem 20. Lebensjahr, bei asiatischen Menschen vor dem 25. Lebensjahr und bei Schwarzen Menschen vor dem 30. Lebensjahr häufig als vorzeitig. Diese Altersgrenzen unterscheiden sich je nach Quelle. Frühes Ergrauen kann Anlass sein, mögliche Nährstoffmängel, Schilddrüsenstörungen und Autoimmunerkrankungen abzuklären. Das gilt besonders, wenn die Veränderung plötzlich beginnt oder weitere Beschwerden hinzukommen.
In Tiermodellen beschleunigte akuter psychischer Stress den Verlust von Melanozyten-Stammzellen. Dabei aktivierte sich der Sympathikus und setzte Noradrenalin am Haarfollikel frei. Der Effekt trat rasch ein; ein erschöpfter Stammzellvorrat ließ sich möglicherweise nicht wiederherstellen. Die Befunde passen zu klinischen Beobachtungen und liefern eine biologische Erklärung dafür, wie Stress zum frühen Ergrauen beitragen könnte. Wie weit dieser Ablauf auf den Menschen übertragbar ist, bleibt offen.
Ein B12-Mangel gehört zu den ernährungsbezogenen Faktoren, die in der Fachliteratur häufiger mit vorzeitigem Ergrauen in Verbindung gebracht werden. B12 wird für die Vermehrung und den Erhalt der Melanozyten gebraucht. Fehlt es, könnte der Stammzellvorrat schneller abnehmen. Üblicherweise beginnt die Abklärung mit einer Messung von Vitamin B12 im Serum. Bevor B12 gezielt zum Ausgleich eines Mangels eingenommen wird, sollte dieser bestätigt sein.
Einige Untersuchungen fanden einen Zusammenhang zwischen vorzeitigem Ergrauen und kardiovaskulären Risikofaktoren. Gemeinsame Mechanismen wie oxidativer Stress und Gefäßalterung könnten dazu beitragen. Die Beobachtungsdaten belegen jedoch nicht, dass graue Haare unmittelbar auf eine Herzerkrankung hinweisen. Jüngere Menschen können frühes Ergrauen im ärztlichen Gespräch ansprechen, auch wenn dort ohnehin kardiovaskuläre Biomarker beurteilt werden. Studie zu frühem Ergrauen und koronarer Herzkrankheit.
Vitamin D ist an Vorgängen im Haarfollikel beteiligt, und ein Mangel wurde mit Haarausfallerkrankungen in Verbindung gebracht. Für das Ergrauen selbst sind die Belege weniger belastbar als für B12 oder Eisen. Ein Mangel ist häufig und lässt sich einfach messen; deshalb kann der Wert im Rahmen einer umfassenderen Abklärung infrage kommen. Ein routinemäßiger Test allein wegen grauer Haare lässt sich damit nicht begründen.
Dieser Artikel informiert über mögliche Zusammenhänge und ersetzt keine medizinische Beratung. Änderungen an gesundheitlichen Maßnahmen sollten vorab mit einer qualifizierten medizinischen Fachperson besprochen werden. Die verlinkten Seiten erläutern die einzelnen Laborwerte.
Häufig gestellte Fragen
Was passiert biologisch, wenn Haare grau werden?
Melanozyten an der Basis jedes Haarfollikels bilden die Haarfarbe. Während das Haar wächst, geben sie Melaninkörnchen in den Haarschaft ab. Mit jedem Haarzyklus kann der Vorrat an Melanozyten-Stammzellen abnehmen, aus denen neue pigmentbildende Zellen entstehen. Reicht die Erneuerung nicht mehr aus, ergrauen die Haare. Wie schnell der Vorrat schrumpft, bestimmen die Gene wesentlich mit. Oxidativer Stress, ein B12-Mangel, Eisenmangel und eine gestörte Schilddrüsenfunktion kommen als zusätzliche Einflussfaktoren infrage. Sie könnten dazu beitragen, dass das Ergrauen früher beginnt oder rascher voranschreitet, als aufgrund der genetischen Veranlagung zu erwarten wäre.
Ab welchem Alter gilt Ergrauen als vorzeitig, und was sollte dann abgeklärt werden?
Häufig nennt die klinische Literatur folgende Altersgrenzen: bei weißen Menschen vor dem 20. Lebensjahr, bei asiatischen Menschen vor dem 25. Lebensjahr und bei Schwarzen Menschen vor dem 30. Lebensjahr. Die Grenzen unterscheiden sich allerdings je nach Quelle. Bei vorzeitigem Ergrauen können Nährstoffmängel, darunter B12- und Eisenmangel, Schilddrüsenstörungen und Autoimmunerkrankungen wie Vitiligo für eine Abklärung relevant sein. Besonders dann, wenn die Veränderung plötzlich beginnt, rasch fortschreitet oder Beschwerden wie Müdigkeit und dünner werdendes Haar hinzukommen, lohnt sich ein ärztliches Gespräch über mögliche Ursachen.
Kann Stress vorzeitig graue Haare verursachen, und ist der Effekt umkehrbar?
Tierversuche zeigen einen Mechanismus, durch den akuter psychischer Stress den Verlust von Melanozyten-Stammzellen beschleunigt. Stress aktiviert den Sympathikus, der in der Umgebung des Haarfollikels Noradrenalin freisetzt. Dadurch erschöpfte sich in den Versuchen der Stammzellvorrat rasch. Sind diese Zellen verloren, lässt sich der Effekt möglicherweise nicht rückgängig machen. Die Versuche liefern eine experimentelle Grundlage dafür, dass Stress zum vorzeitigen Ergrauen beitragen könnte. Sie beantworten jedoch nicht unmittelbar, wie stark dieser Mechanismus beim Menschen wirkt oder ob stressbedingt graue Haare wieder Farbe annehmen können.
Verursacht ein niedriger Vitamin-B12-Wert graue Haare, und kann ein Ausgleich die Farbe zurückbringen?
Ein B12-Mangel wird besonders bei jüngeren Menschen häufig als ernährungsbezogener Begleitfaktor des vorzeitigen Ergrauens beschrieben. B12 ist für die DNA-Synthese und die Vermehrung der Melanozyten nötig; ein Mangel könnte den Erhalt der Stammzellen im Haarfollikel beeinträchtigen. Fallberichte und Beobachtungsstudien beschreiben, dass die Pigmentierung nach dem Ausgleich eines B12-Mangels teilweise oder vollständig zurückkehrte. Das war jedoch nicht bei allen Betroffenen der Fall. Üblicherweise wird zunächst B12 im Serum gemessen. Vor einer gezielten Einnahme zum Ausgleich eines Mangels sollte dieser bestätigt sein.
Welche Rolle spielt Eisenmangel beim vorzeitigen Ergrauen?
Mehrere Beobachtungsstudien stellten bei Menschen mit vorzeitigem Ergrauen häufiger einen Eisenmangel fest als bei gleichaltrigen Kontrollpersonen. Als mögliche Erklärung wird eine Rolle von Eisen als Cofaktor der Melaninsynthese beschrieben: Es soll enzymatische Schritte unterstützen, die Tyrosin in Pigment umwandeln. Die genaue Rolle bei diesen Vorgängen ist noch zu klären. Ferritin hilft, die Eisenspeicher zu beurteilen, und kann bereits niedrig sein, obwohl das Hämoglobin noch im normalen Referenzbereich liegt. Für die Abklärung der Eisenspeicher ist deshalb eine Ferritinbestimmung aussagekräftiger als die alleinige Betrachtung eines üblichen Blutbilds.
Können Schilddrüsenstörungen zu grauen Haaren und anderen Haarveränderungen beitragen?
Sowohl eine Unterfunktion als auch eine Überfunktion der Schilddrüse können mit Veränderungen der Haarstruktur und der Pigmentierung einhergehen. Schilddrüsenhormone beeinflussen den Wachstumszyklus der Haare und die Funktion der Melanozyten. Bei einer Unterfunktion können die Haare insgesamt dünner werden und in manchen Fällen früher oder schneller ergrauen. Als Erklärung wird der Einfluss der Hormone auf den Zellstoffwechsel und antioxidative Signalwege im Follikel vermutet. Die Untersuchung beginnt vorrangig mit TSH. Freies T4 und Schilddrüsenantikörper können die Abklärung ergänzen, insbesondere bei Verdacht auf eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung.
Welche Blutuntersuchungen sind bei vorzeitigem Ergrauen besonders hilfreich?
Je nach Beschwerden und ärztlichem Verdacht kommen B12 im Serum, Ferritin, TSH, 25-OH-Vitamin D sowie Hämoglobin und MCV infrage. Diese Werte helfen, die Nährstoffversorgung, die Schilddrüsenfunktion und eine mögliche Anämie zu beurteilen. Auch hs-CRP wird in diesem Zusammenhang genannt. Es erfasst Entzündungsaktivität im Körper; sein Nutzen als indirekter Hinweis auf oxidative Belastung beim Ergrauen ist jedoch nicht belegt. Die Auswahl der Tests richtet sich nach dem Einzelfall. Deuten die Beschwerden auf eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung hin, können Schilddrüsenantikörper weitere Hinweise liefern.
Lassen sich durch Nährstoffmängel verursachte graue Haare verlangsamen oder rückgängig machen?
Für genetisch bedingtes Ergrauen und den altersbedingten Verlust der Melanozyten gibt es derzeit keine klinischen Belege, dass sich die Haarfarbe zurückholen lässt. Bei behandelbaren Mangelzuständen, insbesondere an B12 oder Eisen, wurde nach deren Ausgleich in einzelnen Fällen beschrieben, dass das Ergrauen teilweise zum Stillstand kam oder die Pigmentierung zurückkehrte. Das betraf vor allem jüngere Menschen, deren Haare erst seit Kurzem ergraut waren. Ein Mangel sollte zunächst durch eine Untersuchung bestätigt werden. Ohne bestätigten Mangel verspricht eine Supplementierung wenig Nutzen und kann unnötige Einnahmen mit möglichen Risiken nach sich ziehen.
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