Niedriger Hämatokrit: Ursachen, Behandlung und ärztliche Abklärung
Klinische Prüfung ausstehend
Was ein niedriger Hämatokrit bedeutet, welche Ursachen infrage kommen, wann Ernährung oder Präparate helfen können und welche Beschwerden rasch abgeklärt werden sollten.
Ein niedriger Hämatokrit lässt sich nur dann gezielt behandeln, wenn seine Ursache bekannt ist. Der Wert gibt an, welchen Anteil rote Blutkörperchen am Blutvolumen haben. Er kann bei Eisen-, Vitamin-B12- oder Folatmangel sinken, aber auch durch chronische Erkrankungen, Blutverlust oder Veränderungen des Flüssigkeitshaushalts. Ob Ernährung, Präparate oder eine andere Behandlung helfen, klärt sich deshalb erst mit der ärztlichen Untersuchung.
Was der Hämatokrit misst und warum der Prozentwert wichtig ist
Ein Hämatokrit von 42 % bedeutet, dass 42 mL von jeweils 100 mL Blut aus roten Blutkörperchen bestehen. Den übrigen Anteil bilden Blutplasma, weiße Blutkörperchen und Blutplättchen. Als ungefähre Referenzbereiche gelten 38,3 % bis 48,6 % für erwachsene Männer und 35,5 % bis 44,9 % für erwachsene Frauen.
Ein niedriger Hämatokrit kann damit einhergehen, dass das Blut weniger Sauerstoff transportiert. Mögliche Folgen sind Müdigkeit, Atemnot bei Belastung, geringere körperliche Belastbarkeit, Blässe und verlangsamtes Denken. Allerdings hängt der Prozentwert auch davon ab, wie viel Flüssigkeit das Blut enthält. Ein niedriger Wert bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass die Gesamtmenge roter Blutkörperchen abgenommen hat.
Hämoglobin, das sauerstofftransportierende Protein in den roten Blutkörperchen, hängt eng mit dem Hämatokrit zusammen. Prospektive Studien, die Menschen über einen längeren Zeitraum beobachteten, fanden sowohl bei niedrigen als auch bei sinkenden Hämoglobinkonzentrationen einen unabhängigen Zusammenhang mit der Herz-Kreislauf- und Gesamtsterblichkeit. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass eine Erhöhung des Hämatokrits allein dieses Risiko senkt. Veröffentlichung im Journal of the American Heart Association
Der Hämatokrit hängt unter anderem davon ab, ob genügend Eisen, Vitamin B12 und Folat für die Blutbildung verfügbar sind und wie der Körper auf Erythropoetin (EPO) reagiert. Dieses Hormon regt die Bildung roter Blutkörperchen an. Auch das Plasmavolumen beeinflusst den Messwert. Je nach Ursache kann die Behandlung deshalb bei der Nährstoffversorgung oder einer Entzündung ansetzen.
Höhenlage, Flüssigkeitshaushalt, Geschlecht, Alter und Ausdauertraining können den Hämatokrit auch innerhalb des Normalbereichs verändern, ohne dass eine Erkrankung vorliegt. Testosteron fördert beispielsweise die Bildung roter Blutkörperchen, die sogenannte Erythropoese. Bachman et al., 2014
Was den Hämatokrit unter den Referenzbereich senken kann
Eisenmangel
Der Körper braucht Eisen, um Hämoglobin herzustellen. Fehlt es, kann er nicht genügend funktionsfähige rote Blutkörperchen bilden. Die Zellen können dann kleiner und blasser als gewöhnlich sein. Dieses Muster heißt mikrozytäre, hypochrome Anämie. Eisenmangel gilt weltweit als häufigster Nährstoffmangel und ist eine häufige Ursache eines niedrigen Hämatokrits. Er entsteht etwa durch eine zu geringe Eisenzufuhr, Blutverlust oder eine gestörte Eisenaufnahme, beispielsweise bei Zöliakie oder nach einer bariatrischen Operation. Bailey et al., 2015
Die Eisenspeicher können bereits erschöpft sein, während der Hämatokrit noch im Referenzbereich liegt. Ferritin zeigt leere Eisenspeicher früh an und kann schon vor dem Hämatokrit sinken. Bei Entzündungen kann der Ferritinwert allerdings trotz eingeschränkter Eisenverfügbarkeit normal oder erhöht sein. Auch eine unzureichende Eiweiß- oder Energiezufuhr kann die Bildung roter Blutkörperchen bremsen.
Vitamin-B12- und Folatmangel
Damit sich die Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen teilen können, müssen sie DNA bilden. Dafür benötigen sie Vitamin B12 und Folat. Bei einem Mangel ist die Zellteilung gestört: Es entstehen große, abnorme Vorläuferzellen, sogenannte Megaloblasten. Ein Teil davon wird zerstört, bevor er in den Blutkreislauf gelangt. Dadurch zirkulieren weniger rote Blutkörperchen.
Die damit verbundene Anämie ist makrozytär: Die roten Blutkörperchen sind vergrößert. Ihr mittleres Volumen wird im Blutbild als MCV angegeben. Ein hohes MCV zusammen mit einem niedrigen Hämatokrit kann auf einen Vitamin-B12- oder Folatmangel hinweisen. Da sich beide Mangelzustände im Blutbild ähnlich zeigen, sollten beide Nährstoffe untersucht werden.
Ein erhöhtes Risiko für Vitamin-B12-Mangel haben unter anderem Menschen mit pflanzenbasierter Ernährung, Personen, die langfristig Metformin einnehmen, Menschen mit Autoimmungastritis oder perniziöser Anämie sowie Personen über 65 Jahren. Folatmangel tritt eher bei hohem Alkoholkonsum, wenig abwechslungsreicher Ernährung oder Erkrankungen auf, die die Nährstoffaufnahme stören. Auch der erhöhte Bedarf während der Schwangerschaft kann dazu beitragen.
Folat ist an der DNA-Synthese und der Reifung roter Blutkörperchen beteiligt. Eine Übersicht in Food and Nutrition Research behandelt diese Funktionen und Zusammenhänge mit dem Herz-Kreislauf-Risiko. Übersicht zu Folat
Anämie bei chronischen Erkrankungen
Bei chronisch entzündlichen Erkrankungen, darunter Autoimmunerkrankungen, chronische Nierenerkrankungen und Krebserkrankungen, kann der Körper Eisen in seinen Speichern zurückhalten und weniger rote Blutkörperchen bilden. Es fehlt dann nicht unbedingt insgesamt an Eisen; für die Blutbildung steht jedoch zu wenig davon zur Verfügung. Das Serumferritin kann dabei sogar erhöht sein, weil es als sogenanntes Akutphaseprotein auch bei Entzündungen ansteigt.
Ein niedriger Hämatokrit bei normalem oder erhöhtem Ferritin kann zusammen mit erhöhten Entzündungsmarkern auf eine solche Ursache hinweisen. Zu diesen Markern gehören das hochsensitive C-reaktive Protein (hs-CRP) und die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG, englisch ESR). Diese Kombination sollte ärztlich abgeklärt werden.
Blutverlust, akut oder chronisch
Langsamer, anhaltender Blutverlust kann die Eisenspeicher leeren und den Hämatokrit nach und nach senken, ohne akute Beschwerden auszulösen. Blutungen im Magen-Darm-Trakt sind eine häufige Ursache eines ungeklärten Eisenmangels bei älteren Erwachsenen und bei Menschen, die langfristig nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) einnehmen. Bei Frauen vor der Menopause trägt auch die Menstruation wesentlich zu Eisenverlusten bei.
Ein Stuhltest kann verborgenes Blut im Stuhl nachweisen. Blutuntersuchungen allein können dagegen nicht feststellen, ob es im Magen-Darm-Trakt blutet. Welche Untersuchung zuerst sinnvoll ist, entscheidet sich nach ärztlicher Beurteilung. Sinkt das Ferritin, ohne dass die Ernährung eine offensichtliche Erklärung liefert, sollte die Ursache weiter untersucht werden.
Veränderungen des Plasmavolumens: Verdünnungseffekte
Der Hämatokrit beschreibt ein Verhältnis. Nimmt das Plasmavolumen rasch zu, etwa durch eine intensive intravenöse Flüssigkeitsgabe, übermäßige Flüssigkeitsaufnahme oder Flüssigkeitseinlagerungen, sinkt der Anteil roter Blutkörperchen am Blutvolumen. Ihre Gesamtmenge kann dabei unverändert bleiben. Das wird als verdünnungsbedingte Pseudoanämie bezeichnet.
In der Schwangerschaft ist dieser Effekt häufig: Das Plasmavolumen nimmt im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel um 40 % bis 50 % zu. Aguree und Gernand, 2019 Umgekehrt konzentriert Flüssigkeitsmangel das Blut und kann den Hämatokrit erhöhen, obwohl keine zusätzlichen roten Blutkörperchen vorhanden sind.
Wiederholte Messungen unter vergleichbaren Bedingungen und die gesamte klinische Situation helfen zu unterscheiden, ob das Blut verdünnt ist oder tatsächlich weniger rote Blutkörperchen vorhanden sind. Verdünnungseffekte müssen auch bei nicht schwangeren Erwachsenen berücksichtigt werden.
Ansätze bei niedrigem Hämatokrit und ihre Evidenzgrundlage
Bei bestätigtem Eisenmangel kann eine Eisengabe helfen. Für andere Ursachen gilt das nicht automatisch: Bei einer Hämolyse, also dem verstärkten Abbau roter Blutkörperchen, oder einer Anämie bei chronischen Erkrankungen muss zunächst der Eisenstatus geklärt werden. Eine ungeeignete Eisengabe kann schaden.
- Bei bestätigtem Eisenmangel werden die Eisenspeicher aufgefüllt. Niedriges Ferritin und ein mikrozytäres Blutbild mit niedrigem MCV können auf einen Mangel hinweisen. Der angeführte Ferritingrenzwert von <30 ng/mL muss im diagnostischen Zusammenhang beurteilt werden; nicht jeder Eisenmangel geht zugleich mit einem niedrigen MCV einher. Bei leichtem Mangel kann eine Ernährungsumstellung mit Häm-Eisenquellen und gleichzeitiger Vitamin-C-Zufuhr infrage kommen. Bei mittelschwerem bis schwerem Mangel reicht die Ernährung allein meist nicht aus. Dann ist eine ärztlich begleitete orale oder intravenöse Eisengabe erforderlich. Ob eine orale Einnahme jeden zweiten Tag gegenüber der täglichen Einnahme die Aufnahme verbessert, ist eine Frage für die Wahl des Einnahmeschemas; die dafür angeführten Studien sind hier noch nicht konkret zugeordnet. Für die Kontrolle von Ferritin, Hämatokrit und Hämoglobin ist ein Zeitraum von 2 bis 4 Monaten angegeben. Der tatsächliche Kontrolltermin muss zum Befund und zur Behandlung passen.
- Ein bestätigter Vitamin-B12- oder Folatmangel wird gezielt ausgeglichen. Zur Abklärung dienen Serum-B12 oder Methylmalonsäure (MMA) beziehungsweise Folat im Serum oder in den roten Blutkörperchen. Ein erhöhtes MCV kann dazu passen, ist aber keine zwingende Voraussetzung. Entscheidend ist, den tatsächlich fehlenden Nährstoff zu ersetzen. Wird nur einer behandelt, ohne den anderen zu untersuchen, kann ein gleichzeitig bestehender Mangel übersehen oder verdeckt werden. Für die Kontrolle von Hämatokrit und Vitamin B12 beziehungsweise Folat ist ein Zeitraum von 2 bis 4 Monaten angegeben; auch hier muss der Termin individuell festgelegt werden.
- Bei einer Anämie chronischer Erkrankungen richtet sich die Behandlung auf die zugrunde liegende Erkrankung. Dazu passen können ein niedriger Hämatokrit, normales oder erhöhtes Ferritin und erhöhtes hs-CRP bei einer ärztlich festgestellten chronischen Erkrankung. Eine Eisengabe steht dabei nicht grundsätzlich im Vordergrund. Für die Kontrolle von Hämatokrit, hs-CRP und Ferritin ist ein Zeitraum von 2 bis 4 Monaten angegeben, der ärztlich an die Situation angepasst werden muss.
- Verborgene Blutverluste müssen gefunden und behandelt werden. Niedriges Ferritin bei einem Mann oder einer Frau nach der Menopause ist ein Anlass, den Magen-Darm-Trakt zu untersuchen, wenn die Ernährung keine Erklärung liefert. Nach Behandlung der Blutungsquelle werden Ferritin und Hämatokrit erneut kontrolliert.
Was bei niedrigem Hämatokrit im Blutbild vermieden werden sollte
- Eisen auf eigene Faust einnehmen: Vorher sollten Ferritin und Transferrinsättigung (TSAT) geprüft werden, um einen Eisenmangel zu bestätigen. Bei ausreichend gefüllten Speichern kann zusätzliches Eisen Magen-Darm-Beschwerden und oxidativen Stress verursachen.
- Trotz niedrigen Hämatokrits Blut spenden: Eine Spende verringert die Menge roter Blutkörperchen weiter. Die meisten Blutspendeeinrichtungen prüfen entsprechende Werte vorab. Bis ein normaler Hämatokrit bestätigt ist, sollte auf eine Spende verzichtet werden.
- Einen Messwert nach anstrengendem Sport oder bei Flüssigkeitsmangel ohne weiteren Zusammenhang als Anämie einordnen: Flüssigkeitsmangel konzentriert das Blut, ein größeres Plasmavolumen verdünnt es. Unmittelbar nach körperlicher Belastung können Flüssigkeitsverschiebungen den Hämatokrit vorübergehend in beide Richtungen verändern. Für Verlaufskontrollen sind deshalb vergleichbare Bedingungen bei der Blutentnahme wichtig.
- Bei mittelschwerem bis schwerem Mangel allein auf eisenreichere Lebensmittel setzen: Bei einer mittelschweren oder schweren Eisenmangelanämie reicht eine Ernährungsumstellung in der Regel nicht aus. Eine orale oder intravenöse Eisengabe muss ärztlich begleitet werden.
Niedriger Hämatokrit: reguläre oder dringende Abklärung?
Eine Metaanalyse in The American Journal of the Medical Sciences fand in Studien zur Allgemeinbevölkerung einen Zusammenhang zwischen Anämie und höherer Gesamt- sowie Herz-Kreislauf-Sterblichkeit. Der Befund spricht dafür, die Ursache einer Anämie abzuklären. Er belegt jedoch nicht, dass eine Anhebung des Hämatokrits allein diese Risiken senkt. Metaanalyse
Reguläre Abklärung
Liegt der Hämatokrit unter dem Referenzbereich, hier <38,3 % bei Männern und <35,5 % bei Frauen, sollte die Ursache ärztlich untersucht werden. Bei stabilem oder langsam sinkendem Verlauf ohne schwere Beschwerden ist dafür ein Zeitraum von Tagen bis Wochen angegeben. Zu den möglichen Untersuchungen gehören Ferritin, MCV, Vitamin B12, Folat und Entzündungsmarker. Zusammen mit den übrigen Befunden helfen sie zu entscheiden, ob und welche Nährstoffe ersetzt werden müssen. So lassen sich auch niedrige Werte einordnen, die bei einer Routineblutuntersuchung auffallen.
Dringende Abklärung oder Notfalluntersuchung
Ein Hämatokrit unter ungefähr 30 % zusammen mit Beschwerden in Ruhe, etwa Atemnot, Brustschmerzen oder schnellem Herzschlag, erfordert eine umgehende ärztliche Beurteilung. Solche Beschwerden können auch bei höheren Werten dringend sein. Ein Hämoglobinwert unter 7 g/dL ist ebenfalls als Anlass für eine dringende Beurteilung angegeben.
Eine plötzlich auftretende Anämie bei bekannter oder vermuteter Hämolyse muss ebenfalls umgehend beurteilt werden. Dazu zählen etwa eine Sichelzellkrise, eine autoimmunhämolytische Anämie oder eine durch G6PD-Mangel ausgelöste Hämolyse.
Bei einer hämolytischen Anämie sind typischerweise indirektes Bilirubin und Laktatdehydrogenase (LDH) erhöht. Haptoglobin im Serum ist dagegen niedrig oder nicht nachweisbar. Diagnostik und Behandlung unterscheiden sich von denen einer ernährungsbedingten Anämie. Ob eine Bluttransfusion nötig ist, hängt davon ab, wie schnell die Werte fallen, wie schwer die Beschwerden sind und welche Ursache zugrunde liegt. Der Zahlenwert allein entscheidet darüber nicht.
Tag 0 und sinnvolle Abstände für Hämatokritkontrollen
Rote Blutkörperchen leben ungefähr 120 Tage. Quelle zur Lebensdauer roter Blutkörperchen Nach Behandlung eines Nährstoffmangels erholt sich der Hämatokrit schrittweise. Bei einer Eisengabe steigt die Zahl der Retikulozyten, also der jungen roten Blutkörperchen, typischerweise innerhalb von 7 bis 10 Tagen. Nach 4 bis 8 Wochen kann sich der Hämatokrit messbar verbessern; bis zur vollständigen Normalisierung können 2 bis 4 Monate vergehen. Für den Ausgleich eines Vitamin-B12- oder Folatmangels wird ein ähnlicher allgemeiner Verlauf beschrieben.
Für weitere Kontrollen ist ein Abstand von 3 bis 6 Monaten angegeben, bis die Versorgung wieder ausreicht und die Werte stabil sind. Diese Zeitangaben beschreiben einen allgemeinen Verlauf und legen keinen individuellen Kontrollplan fest. Wann erneut Blut abgenommen werden sollte, hängt vom Befund und von der Behandlung ab.
Der Hämatokrit allein erklärt nicht, warum der Wert niedrig ist. Ergänzende Untersuchungen helfen, die Ursache einzugrenzen und zu verfolgen, wie die Behandlung wirkt:
- Ferritin zeigt leere Eisenspeicher früh an und kann vor dem Hämatokrit sinken. Bei Entzündungen kann es trotz eingeschränkter Eisenverfügbarkeit normal oder erhöht sein.
- Hämoglobin transportiert Sauerstoff in den roten Blutkörperchen. Sein Wert hängt eng mit dem Hämatokrit zusammen, der einen indirekten Hinweis auf die Sauerstofftransportkapazität liefert.
- MCV beschreibt das mittlere Volumen der roten Blutkörperchen. Ein niedriges MCV bezeichnet ein mikrozytäres Muster, wie es bei Eisenmangel vorkommen kann. Ein hohes MCV bezeichnet ein makrozytäres Muster, wie es bei Vitamin-B12- oder Folatmangel auftreten kann.
- Serumeisen erfasst das im Blut zirkulierende Eisen und ergänzt bei niedrigem Ferritin die Beurteilung der Eisenverfügbarkeit.
- Die gesamte Eisenbindungskapazität (TIBC) steigt bei Eisenmangel, weil der Körper mehr vom Transportprotein Transferrin bildet. Bei einer Anämie chronischer Erkrankungen kann sie niedrig sein.
Für gut vergleichbare Messungen sind Ruhe vor der Blutentnahme, ein gleichmäßiger Flüssigkeitshaushalt und ausreichend Abstand zu körperlicher Belastung wichtig. Direkt nach Sport kann sich das Plasmavolumen vorübergehend verändern und den Messwert beeinflussen. Ob die Blutentnahme nüchtern erfolgen soll, richtet sich nach den angeordneten Untersuchungen. Unterschiedliche Bedingungen erschweren es, den Verlauf zu beurteilen.
Wann ein niedriger Hämatokrit rasch ärztlich abgeklärt werden sollte
Ein niedriger Hämatokrit sollte ärztlich beurteilt werden, bevor eigenständig Präparate eingenommen werden. Besonders rasch ist eine Abklärung bei folgenden Befunden oder Beschwerden nötig:
- Der Hämatokrit liegt unter 30 % oder das Hämoglobin unter 7 g/dL.
- In Ruhe treten Atemnot, Brustschmerzen oder schneller Herzschlag auf. Diese Beschwerden sind auch oberhalb der genannten Werte ernst zu nehmen.
- Der Wert fällt plötzlich oder ohne erkennbare Erklärung ab.
- Bei einem Mann oder einer Frau nach der Menopause ist Ferritin niedrig, ohne dass sich dies eindeutig durch die Ernährung erklären lässt. Eine verborgene Blutung im Magen-Darm-Trakt muss ausgeschlossen werden.
- Es gibt Hinweise auf eine Hämolyse, etwa Gelbsucht, dunklen Urin oder eine bekannte Sichelzellerkrankung beziehungsweise einen G6PD-Mangel.
Bei einem grenzwertig niedrigen Hämatokrit ohne Beschwerden sollte innerhalb von Tagen bis Wochen ein ärztlicher Termin stattfinden. Erst wenn die Ursache geklärt ist, lässt sich eine passende Behandlung wählen; eine ungeeignete Behandlung kann schaden.
Eisen- oder Vitamin-B12-Mangel lässt sich zunächst in der hausärztlichen Versorgung untersuchen. Bei Verdacht auf eine hämolytische Anämie kommt eine hämatologische Abklärung infrage.
Häufige Fragen
Was misst der Hämatokrit?
Der Hämatokrit gibt an, wie viel Prozent des gesamten Blutvolumens auf rote Blutkörperchen entfallen. Bei einem Ergebnis von 42 % bestehen 42 mL von jeweils 100 mL Blut aus roten Blutkörperchen. Der Wert liefert einen indirekten Hinweis darauf, wie viel Sauerstoff das Blut transportieren kann. Er gehört zu den grundlegenden Werten eines Blutbilds, im Englischen complete blood count (CBC).
Welcher Hämatokritbereich ist bei Erwachsenen normal?
Typische Referenzbereiche liegen ungefähr bei 38,3 % bis 48,6 % für erwachsene Männer und bei 35,5 % bis 44,9 % für erwachsene Frauen. Maßgeblich ist der Referenzbereich des jeweiligen Labors. Ein Wert unter der Untergrenze kann auf eine Anämie hinweisen, reicht aber allein nicht zur Diagnose. Dafür müssen auch die übrigen Befunde berücksichtigt werden. Flüssigkeitshaushalt, Höhenlage, Alter und Geschlecht beeinflussen den individuellen Wert.
Was sind die häufigsten Ursachen eines niedrigen Hämatokrits?
Eisenmangel ist weltweit eine besonders häufige Ursache. Weitere Ursachen sind Vitamin-B12- und Folatmangel, Blutverlust, Hämolyse und eine Anämie bei chronischen Erkrankungen, etwa bei Entzündungen oder chronischen Nierenerkrankungen. Auch Verdünnungseffekte durch übermäßige Flüssigkeitszufuhr oder eine unterdrückte Blutbildung im Knochenmark kommen infrage. Ergänzende Untersuchungen helfen, diese Ursachen zu unterscheiden und die passende Behandlung zu wählen.
Woran lässt sich erkennen, ob Eisenmangel hinter dem niedrigen Hämatokrit steckt?
Hinweise liefern die Eisenspeicher und das Blutbild. Eisenmangel kann kleine, blasse rote Blutkörperchen verursachen; ihre geringe Größe zeigt sich als niedriges mittleres Zellvolumen (MCV). Ferritin zeigt leere Eisenspeicher früh an und kann schon vor dem Hämatokrit sinken. Es wird zusätzlich zum üblichen Blutbild bestimmt. Serumeisen, gesamte Eisenbindungskapazität (TIBC) und Transferrinsättigung ergänzen die Beurteilung. Bei Entzündungen ist Ferritin schwieriger einzuordnen, weil es trotz eingeschränkter Eisenverfügbarkeit erhöht sein kann.
Welche Beschwerden kann ein niedriger Hämatokrit verursachen?
Wenn das Blut weniger Sauerstoff transportiert, können Müdigkeit, Atemnot bei Belastung, geringere körperliche Belastbarkeit, Blässe und verlangsamtes Denken auftreten. Leicht erniedrigte Werte können ohne Beschwerden bleiben oder nur wenig auffällige Symptome auslösen. Eine schwere Anämie belastet das Herz-Kreislauf-System erheblich. Wie stark die Beschwerden ausfallen, hängt sowohl von der Höhe des Hämatokrits als auch davon ab, wie schnell er gesunken ist.
Kann die Ernährung den Hämatokrit erhöhen?
Ja, wenn ein Eisen-, Vitamin-B12- oder Folatmangel hinter dem niedrigen Wert steckt, kann eine angepasste Ernährung zur Erholung beitragen. Häm-Eisenquellen, pflanzliche Eisenquellen zusammen mit Vitamin C und eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 und Folat unterstützen die Bildung roter Blutkörperchen. Bei mittelschwerem bis schwerem Mangel reicht die Ernährung allein meist nicht aus. Dann müssen die fehlenden Nährstoffe zusätzlich gezielt gegeben werden.
Wie lange dauert es, bis sich der Hämatokrit normalisiert?
Die Erholung verläuft schrittweise; rote Blutkörperchen leben ungefähr 120 Tage. Bei einer Eisengabe wegen Eisenmangelanämie steigt die Zahl der Retikulozyten typischerweise innerhalb von 7 bis 10 Tagen. Der Hämatokrit kann sich innerhalb von 4 bis 8 Wochen messbar verbessern. Bis er sich vollständig normalisiert, können 3 bis 4 Monate vergehen. Wie lange es dauert, hängt vom Schweregrad und von der Ursache ab.
Beeinflusst Sport den Hämatokrit?
Ja. Bei akuter körperlicher Belastung verschiebt sich Flüssigkeit im Körper. Das kann das Blut vorübergehend konzentrieren und den Hämatokrit erhöhen. Langfristiges Ausdauertraining vergrößert dagegen das Plasmavolumen. Deshalb kann der Hämatokrit in Ruhe etwas sinken, selbst wenn die Gesamtmenge roter Blutkörperchen zunimmt.
Ob und wie hochintensives Training oder Höhentraining die Bildung von Erythropoetin anregen und dadurch über Wochen bis Monate die Menge roter Blutkörperchen und den Hämatokrit verändern, muss für die jeweilige Trainingsform getrennt betrachtet werden. Die beiden Trainingsformen lassen sich hier nicht mit einer gemeinsamen Wirkungsbehauptung zusammenfassen.
Quellen
- Bachman E, Travison TG, Basaria S, Davda MN, Guo W, Li M, Connor Westfall J, Bae H, Gordeuk V, Bhasin S (2014). Testosterone induces erythrocytosis via increased erythropoietin and suppressed hepcidin: evidence for a new erythropoietin/hemoglobin set point. The journals of gerontology. Series A, Biological sciences and medical sciences, 69(6), 725-35. https://doi.org/10.1093/gerona/glt154 PubMed
- Bailey RL, West KP, Jr., Black RE (2015). The epidemiology of global micronutrient deficiencies. Annals of nutrition & metabolism, 66 Suppl 2, 22-33. https://doi.org/10.1159/000371618 PubMed
- GBD 2021 Anaemia Collaborators (2023). Prevalence, years lived with disability, and trends in anaemia burden by severity and cause, 1990-2021: findings from the Global Burden of Disease Study 2021. The Lancet. Haematology, 10(9), e713-e734. https://doi.org/10.1016/S2352-3026(23)00160-6 PubMed
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