Zum Inhalt springen
EN

Die zwei Aufgaben von Selen

Klinische Prüfung ausstehend

Selen wirkt in verschiedenen Enzymsystemen. Welche Aufgaben es erfüllt, weshalb die Menge zählt und wo Nutzen und Risiken einer Ergänzung auseinandergehen.

Wofür braucht der Körper Selen, und was verrät ein Blutwert über die Versorgung? Das Spurenelement ist Bestandteil von Enzymen, die Zellen vor oxidativen Schäden schützen und Schilddrüsenhormone aktivieren. Ein Bluttest gibt Hinweise auf die Versorgung. Wie aussagekräftig das Ergebnis ist, hängt auch von der Ernährung, möglichen Entzündungen und dem gesundheitlichen Hintergrund ab.

Was Selen ist und wofür der Körper es braucht

Der Körper benötigt Selen, um Selenoproteine aufzubauen. Zu diesen Proteinen gehören Enzyme, die Zellen vor oxidativen Schäden schützen oder Schilddrüsenhormone aktivieren. Da der Körper das Spurenelement nicht selbst herstellen kann, muss er es über die Nahrung aufnehmen. Selen gelangt über den Darm in den Körper. Anschließend sorgt die Leber unter anderem mit Selenoprotein P für den Transport.

Steht auf einem Laborbericht „Selen“, ist normalerweise die Konzentration im Serum oder Plasma gemeint. Der Wert gibt als Momentaufnahme einen indirekten Hinweis darauf, wie viel Selen für den Aufbau und die Funktion dieser Enzyme verfügbar ist. Wie aktiv die Selenoproteine innerhalb der Zellen sind, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen.

Wie Selen Zellen schützt und Schilddrüsenhormone aktiviert

Beim normalen Stoffwechsel und bei Immunreaktionen entstehen reaktive Sauerstoffspezies. Selenhaltige Enzyme, vor allem Glutathionperoxidasen und Thioredoxinreduktasen, helfen, diese Nebenprodukte abzubauen, bevor sie DNA, Fette oder Proteine schädigen.

Schilddrüsenhormone kommen hauptsächlich in zwei Formen vor: T4 als Speicherform und T3 als aktive Form. Für die Umwandlung von T4 in T3 braucht der Körper Dejodasen. Auch diese Enzyme enthalten Selen. Eine niedrige Selenversorgung kann die Umwandlung verändern und dadurch die Wirkung der Schilddrüsenhormone aus dem Gleichgewicht bringen.

Warum bedeutet ein höherer Selenwert nicht automatisch eine stärkere antioxidative Wirkung? Für die Glutathionperoxidase wird bei ungefähr 90 µg/L ein Sättigungsniveau angegeben. Die Selenkonzentration im Serum kann bei höherer Zufuhr weiter steigen, ohne dass das Enzym dadurch aktiver wird. Die genaue Schwelle ist jedoch noch nicht gesichert zugeordnet: Als Quelle zur optimalen Selenversorgung dienen Hurst et al. (2010), PubMed, DOI.

Die Beziehung zwischen Selenversorgung und Risiken wird als U-förmig beschrieben: Sowohl eine sehr geringe als auch eine sehr hohe Versorgung kann mit Risiken verbunden sein. Beobachtungsdaten aus Regionen mit ausgeprägtem Mangel zeigen einen Zusammenhang zwischen sehr niedrigen Selenwerten, einem höheren Risiko für Herzmuskelerkrankungen und einer beeinträchtigten Immunabwehr. Auch für eine sehr hohe Zufuhr wird in einigen Kohorten ein Zusammenhang mit einem höheren Risiko für Typ-2-Diabetes berichtet. Diese Kohortenaussage ist mit der angeführten Quelle allerdings nicht unmittelbar gestützt: Stranges et al. (2007), PubMed, DOI, beschreiben laut Titel eine randomisierte Studie.

Die SELECT-Studie, ausgeschrieben „Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial“, fand bei gut versorgten Bevölkerungsgruppen keine Verringerung des Prostatakrebsrisikos durch Selensupplemente. Im Zusammenhang mit der Kombination von Selen und hoch dosiertem Vitamin E werden zudem Sicherheitsbedenken genannt. Ob sie genau dieser Kombination zuzuordnen sind, bleibt offen. Als Quelle wird Lippman et al. (2009), PubMed, DOI, angeführt. Über eine ausreichende Versorgung hinaus bietet zusätzliches Selen keinen gesicherten Zusatznutzen und kann Risiken bergen.

Entzündungen können die Einordnung eines Blutwerts besonders stark erschweren. Bei Infektionen oder Entzündungen verändert die Leber ihre Proteinproduktion, und der Spiegel von Selenoprotein P sinkt. Dadurch kann weniger Selen im Serum messbar sein, obwohl die Körpervorräte insgesamt ausreichen. Selen gilt deshalb als negativer Akutphaseparameter: Sein Blutwert kann bei einer akuten Entzündungsreaktion fallen. Ein niedriger Wert während oder kurz nach einer Erkrankung erlaubt daher keinen zuverlässigen Schluss auf einen tatsächlichen Mangel.

Wie sich ein Selenwert einordnen lässt

Was der Referenzbereich aussagt

Ein Referenzbereich beschreibt die Werte, die bei den meisten Menschen gemessen werden. Er legt keinen für alle optimalen Wert fest. Seine Grenzen hängen von der Messmethode und der untersuchten Bevölkerungsgruppe ab. Viele Labore nennen für Selen im Serum ungefähr 70–150 µg/L.

Daten zur Enzymaktivität deuten darauf hin, dass bestimmte Selenoproteine schon im unteren bis mittleren Teil dieses Bereichs ein funktionelles Plateau erreichen. Das bedeutet: Ihre Aktivität steigt trotz höherer Versorgung nicht weiter. Für die Glutathionperoxidase wird meist etwa 90 µg/L als Sättigungsniveau angegeben; die genaue Zuordnung dieser Schwelle zur genannten Studie bleibt offen. Selenoprotein P nimmt mit steigender Zufuhr zunächst zu. Sobald die Gewebe versorgt sind, flacht der Anstieg ab. Als Literatur dienen Hurst et al. (2010), PubMed, DOI.

Eine unzureichende Versorgung zu verbessern, kann helfen. Bei ausreichender Versorgung bringt eine weitere Steigerung jedoch nicht fortlaufend zusätzlichen Nutzen. Auch Alter, Ernährung, Schwangerschaft und Entzündungen beeinflussen, wie ein Ergebnis einzuordnen ist.

Wenn die Werte erhöht sind

Erhöhte Werte gehen meist auf eine hohe Zufuhr durch Nahrungsergänzungsmittel oder selenreiche Lebensmittel zurück. Bei Paranüssen schwankt der Selengehalt je nach Boden stark. Wer sie regelmäßig isst, kann unter Umständen die tägliche tolerierbare Höchstzufuhr überschreiten. Auch Multivitaminpräparate und Produkte für Haare, Haut und Nägel können Selen enthalten, ohne dass dies auf den ersten Blick auffällt.

Seltener entstehen stark erhöhte Werte durch Herstellungsfehler, falsch deklarierte Nahrungsergänzungsmittel oder Fehler bei der parenteralen Ernährung. Auch das Leben in einer Region mit selenreichen Böden kann zu erhöhten Werten beitragen.

Als tolerierbare Höchstzufuhr für Erwachsene werden 400 µg pro Tag genannt. Eine solche Grenze soll das Risiko toxischer Wirkungen begrenzen. Welche Referenzinstitution dieser Angabe zugrunde liegt und ob sie für Deutschland beziehungsweise Europa gilt, ist jedoch ungeklärt. Die 400 µg pro Tag sind deshalb keine allgemeine Einnahmeempfehlung.

Dauerhaft hohe Werte können mit einer Selenose, also einer Selenvergiftung, einhergehen. Mögliche Beschwerden sind brüchige Haare und Nägel sowie ein metallischer oder knoblauchartiger Atemgeruch. Bei höherer Belastung können Magen-Darm-Beschwerden und neurologische Veränderungen hinzukommen.

Wenn die Werte niedrig sind

Niedrige Werte können durch eine zu geringe Zufuhr, eine gestörte Aufnahme im Darm oder einen erhöhten Bedarf entstehen. In Regionen mit selenarmen Böden, darunter Teile Europas und Asiens, kommt eine ernährungsbedingte Unterversorgung häufiger vor.

Auch Erkrankungen und Eingriffe, die die Aufnahme im Darm verringern, können den Spiegel senken. Dazu zählen Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und bariatrische Operationen. Dasselbe gilt für eine langfristige vollständige parenterale Ernährung, wenn sie nicht ausreichend Selen enthält.

Während der Schwangerschaft steigt der Bedarf. Zugleich können die Serumwerte leicht sinken, weil das Blutvolumen zunimmt und Plazenta sowie Fötus Selen benötigen. Bei Infektionen oder entzündlichen Schüben fallen die Werte unter Umständen vorübergehend ab, obwohl der Körper insgesamt ausreichend versorgt ist. Bei einem niedrigen Ergebnis lohnt sich deshalb auch der Blick auf den Zeitpunkt der Blutabnahme: Fiel sie mit einer Erkrankung zusammen?

Was den Selenwert zwischen zwei Blutabnahmen verändern kann

Selen aus Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln

Selen gelangt über Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel in den Körper. Eine gemischte Ernährung mit Eiweißquellen wie Fisch und Meeresfrüchten, Eiern und Fleisch sowie Getreide oder Hülsenfrüchten liefert in den meisten Regionen ausreichende Mengen. Bei pflanzlichen Lebensmitteln hängt der Gehalt vom Boden ab, auf dem sie wachsen, und unterscheidet sich deshalb je nach Herkunft.

Paranüsse enthalten viel Selen, doch die Menge lässt sich schwer vorhersagen. Eine einzelne Nuss kann relativ wenig enthalten oder bereits mehr als die empfohlene Zufuhr für einen ganzen Tag liefern. Als „Recommended Dietary Allowance“ (RDA) für Erwachsene werden 55 µg pro Tag angegeben. Das ist kein geprüfter deutscher Referenzwert. In Schwangerschaft und Stillzeit ist der Bedarf höher.

Bei mehreren Nahrungsergänzungsmitteln und Multivitaminpräparaten zählt die Summe. Zusammen können sie die tägliche Zufuhr unbemerkt über die tolerierbare Höchstmenge erhöhen. Das Etikett eines einzelnen Produkts zeigt diese Gesamtmenge nicht.

Aufnahmestörungen und Erkrankungen

Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und bariatrische Operationen können die Aufnahme von Selen beeinträchtigen. Bei langfristiger parenteraler Ernährung hängt die Versorgung davon ab, wie viel Selen bereitgestellt wird. Dialyse und fortgeschrittene Nierenerkrankungen verändern, wie der Körper mit Spurenelementen umgeht.

Bei einer Autoimmunthyreoiditis bestehen über die Dejodasen und die antioxidativen Systeme Zusammenhänge mit dem Selenstatus. In der Schwangerschaft steigt der Bedarf, während die im Blut gemessenen Werte leicht sinken können.

Akute Erkrankungen und Entzündungen

Aktive Infektionen, entzündliche Schübe oder erhebliche körperliche Belastungen können die Selenkonzentration im Serum vorübergehend senken. Als negativer Akutphaseparameter reagiert Selen dabei unabhängig von der Ernährung oder den tatsächlichen Körpervorräten. Eine Blutabnahme während einer akuten Erkrankung kann deshalb eine schlechtere Versorgung vermuten lassen, als tatsächlich besteht. Ergebnisse, die unter stabilen Bedingungen ohne akute Entzündung erhoben wurden, lassen sich am besten einordnen.

Welche weiteren Laborwerte bei der Einordnung helfen können

  • Thyreoidea-stimulierendes Hormon (TSH): Selenhaltige Dejodasen wandeln T4 in T3 um. Ein niedriger Selenwert zusammen mit einem steigenden TSH könnte auf eine unzureichende Aktivierung von Schilddrüsenhormonen hindeuten. Nach dieser bislang klinisch ungeprüften Deutung müsste die Konstellation nicht ausschließlich auf eine Erkrankung der Schilddrüse selbst zurückgehen. TSH ist auf dieser Grundlage kein eigenständiges diagnostisches Kriterium für einen Selenmangel.
  • Freies Trijodthyronin (freies T3): Freies T3 entsteht durch die selenabhängige Umwandlung mithilfe der Dejodasen. Eine niedrige Selenversorgung könnte freies T3 verringern, auch wenn TSH und T4 normal sind. Die klinische Einordnung dieser Aussage ist offen. Ob freies T3 als funktioneller Hinweis auf die Selenwirkung an der Schilddrüse geeignet ist, lässt sich daraus nicht ableiten; es ist kein eigenständiges diagnostisches Kriterium für einen Selenmangel.
  • Hochsensitives C-reaktives Protein (hs-CRP): Ein erhöhtes hs-CRP zusammen mit niedrigem Serumselen kann darauf hindeuten, dass eine Entzündung den Selenspiegel vorübergehend senkt. Ein tatsächlicher ernährungsbedingter Mangel muss dann nicht vorliegen, denn Selen ist ein negativer Akutphaseparameter.
  • Thyreoperoxidase-Antikörper (TPO-Antikörper): Selen unterstützt den Schutz der Schilddrüse vor oxidativem Stress, der bei der Hormonbildung entsteht. Aus Kohorten mit Autoimmunthyreoiditis wird ein Zusammenhang zwischen niedriger Selenversorgung und höheren TPO-Antikörperspiegeln berichtet. Ob die angeführten Quellen genau diese Aussage stützen, ist offen: Wichman et al. (2016), PubMed, DOI, sowie Zuo et al. (2021), PubMed, DOI. Wichman et al. untersuchen laut Titel die Wirkung einer Supplementierung auf Schilddrüsenautoantikörper. Das stützt den beschriebenen Zusammenhang in Kohorten nicht unmittelbar.
  • Vitamin D (25-Hydroxy): Vitamin D und Selen tragen zur Immunregulation und zur Schilddrüsenfunktion bei. Bei Aufnahmestörungen können beide Mangelzustände gemeinsam auftreten. Eine gemeinsame Bestimmung könnte deshalb aufschlussreich sein; ein klinischer Nutzen dieser Testkombination ist hier jedoch nicht gesichert.

Wann eine erneute Selenmessung Veränderungen zeigen kann

Nach einer dauerhaften Änderung der Zufuhr braucht die Selenkonzentration im Plasma Zeit, um sich auf einem neuen Niveau einzupendeln. Als Zeitraum werden unter Verweis auf Studien zur Wiederauffüllung der Selenversorgung 8–12 Wochen angegeben. Als Literatur dienen Hurst et al. (2010), PubMed, DOI. Nach einer Ernährungsumstellung oder dem Beginn einer Supplementierung könnte eine erneute Messung nach 8–12 Wochen daher zeigen, ob sich die Werte verändert haben. Ob dieses Intervall im Einzelfall passt, ist klinisch zu klären.

Für gesunde Erwachsene ohne Aufnahmestörung oder nachgewiesenen Mangel wird eine jährliche Kontrolle als ausreichend genannt. Eine allgemeine Notwendigkeit jährlicher Selentests lässt sich daraus jedoch nicht ableiten; Nutzen und passendes Intervall routinemäßiger Kontrollen sind hier ungeklärt. Auch die abweichende Angabe von ein bis zwei Messungen pro Jahr im FAQ ist nicht als gesicherte Empfehlung zu verstehen.

Damit Ergebnisse möglichst gut vergleichbar sind, sollten die Messungen im selben Labor und mit derselben Methode erfolgen. Serum- und Plasmawerte können sich unterscheiden und sind nicht unmittelbar austauschbar.

Eine Blutabnahme während oder kurz nach einer akuten Erkrankung sollte nach Möglichkeit vermieden werden. Während der Akutphasereaktion wird Selen umverteilt. Das kann den Serumwert senken und einen irreführend niedrigen Wert erzeugen. Eine erneute Messung unter stabilen Bedingungen ohne akute Entzündung kann einen aussagekräftigeren Ausgangswert liefern.

Wann Selenwerte ärztlich besprochen werden sollten

Ein Ergebnis außerhalb des Referenzbereichs braucht zunächst eine Einordnung. Für Werte über 150 µg/L wird vorgeschlagen, Nahrungsergänzungsmittel und Multivitaminpräparate zu überprüfen und nach einer Anpassung erneut zu messen. Das gilt besonders, wenn brüchige Haare oder Nägel, knoblauchartiger Atem oder Veränderungen im Magen-Darm-Bereich hinzukommen.

Ein dauerhaft niedriger Wert sollte ärztlich besprochen werden, bevor die Zufuhr eigenständig verändert wird. Das ist insbesondere bei Aufnahmestörungen, einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, Dialyse oder Schwangerschaft wichtig.

Bei einem niedrigen Wert während einer akuten Erkrankung oder zusammen mit erhöhtem hs-CRP kommt eine vorübergehende Absenkung durch die Akutphasereaktion infrage. Dann muss kein tatsächlicher Mangel vorliegen. Eine erneute Messung unter stabilen Bedingungen hilft, dies zu klären. Der Verlauf über zwei oder mehr Blutabnahmen bietet meist eine bessere Entscheidungsgrundlage als ein einzelnes Ergebnis.

Selen ist lebensnotwendig, kann bei zu hoher Zufuhr aber schaden. Für die Einschätzung der Versorgung hilft ein Blutwert vor allem im Zusammenhang mit anderen Befunden: dem Verlauf der Schilddrüsenwerte, Entzündungsmarkern und den Werten verwandter Nährstoffe.

Häufig gestellte Fragen

Was misst ein Selen-Bluttest?

Ein Selentest im Serum oder Plasma misst, wie viel Selen im Blut zirkuliert. Die übliche Einheit ist Mikrogramm pro Liter, abgekürzt µg/L beziehungsweise mcg/L. Der Wert spiegelt die jüngere Zufuhr über die Ernährung und die Menge wider, die für den Aufbau von Selenoproteinen verfügbar ist. Dazu gehören Enzyme, die Zellen vor oxidativen Schäden schützen und Schilddrüsenhormone aktivieren. Der Test liefert eine nützliche Momentaufnahme, erfasst aber nicht sämtliche Vorräte in den Geweben.

Wie unterstützt Selen die Schilddrüsenfunktion?

Der Körper baut Selen in Dejodasen ein. Diese Enzyme wandeln Thyroxin (T4) in das stärker wirksame Trijodthyronin (T3) um. Reicht die Selenversorgung nicht aus, kann die Umwandlung weniger effizient ablaufen. Das könnte die Wirkung der Schilddrüsenhormone im gesamten Körper beeinflussen. Selen unterstützt außerdem den Schutz der Schilddrüse vor oxidativem Stress, der bei der Hormonbildung entsteht.

Welcher Selenwert im Blut ist gesund?

Viele Labore nennen für Selen im Serum ungefähr 70 bis 150 µg/L als Referenzbereich. Die genauen Grenzen hängen von der Methode und der untersuchten Bevölkerungsgruppe ab. Für die Aktivität der Glutathionperoxidase, eines wichtigen antioxidativen Enzyms, wird bei etwa 90 µg/L ein Plateau angegeben. Demnach können auch Werte im unteren Teil des Referenzbereichs mit ausreichender Enzymaktivität vereinbar sein. Die genaue Zuordnung dieser Schwelle zur angeführten Literatur bleibt offen: Hurst et al. (2010), PubMed, DOI. Weil die Referenzbereiche je nach Labor variieren, sollte das konkrete Ergebnis ärztlich eingeordnet werden.

Was verursacht niedrige Selenwerte?

Als häufigste Ursache wird eine zu geringe Zufuhr über die Ernährung genannt, besonders in Regionen mit selenarmen Böden. Bei Zöliakie, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder nach bariatrischen Operationen kann zusätzlich die Aufnahme im Darm beeinträchtigt sein.

Auch Infektionen oder systemische Entzündungen können die Werte vorübergehend senken, obwohl die Körpervorräte insgesamt ausreichen. Selen wird deshalb als negativer Akutphaseparameter bezeichnet: Sein Blutwert kann während einer solchen Reaktion fallen, ohne dass ein tatsächlicher Mangel vorliegt.

Welche Anzeichen können auf zu wenig oder zu viel Selen hindeuten?

Eine dauerhaft niedrige Selenversorgung verursacht nicht immer Beschwerden. Sie kann jedoch mit einer beeinträchtigten antioxidativen Abwehr und einer weniger günstigen Umwandlung der Schilddrüsenhormone verbunden sein.

Ein Überschuss mit toxischen Wirkungen heißt Selenose. Mögliche Folgen sind brüchige Haare und Nägel, ein metallischer oder knoblauchartiger Atemgeruch und Magen-Darm-Beschwerden. Bei höherer Belastung können neurologische Veränderungen auftreten. Als tolerierbare Höchstzufuhr für Erwachsene werden 400 Mikrogramm pro Tag genannt. Ob diese Grenze für Deutschland beziehungsweise Europa gilt, ist ungeklärt; sie ist keine Einnahmeempfehlung.

Lässt sich der Selenwert allein über die Ernährung erhöhen?

Ernährungsänderungen können bei den meisten Menschen mit leichter Unterversorgung den Selenstatus verbessern. Als Zeitraum für eine spürbare Verbesserung werden 8 bis 12 Wochen angegeben; diese Angabe ist hier nicht unabhängig geprüft. Geeignete Quellen sind Fisch und Meeresfrüchte, Eier, Fleisch, Vollkorngetreide und Paranüsse. Gerade bei Paranüssen schwankt der Gehalt allerdings stark. Wer sie regelmäßig isst, kann die tägliche Höchstzufuhr überschreiten.

Eine abwechslungsreiche Ernährung mit ausreichend Eiweiß liefert im Allgemeinen genügend Selen, sodass keine Nahrungsergänzungsmittel erforderlich sind. Ob sie im Einzelfall ausreicht, hängt auch von der Herkunft der Lebensmittel und möglichen Aufnahmestörungen ab.

Wie oft sollte Selen gemessen werden?

Nach einer dauerhaften Änderung der Zufuhr wird für die Selenkonzentration im Serum normalerweise ein Zeitraum von 8 bis 12 Wochen bis zu einem neuen Gleichgewichtszustand angegeben. Ein allgemein geeignetes Kontrollintervall lässt sich daraus nicht ableiten. Für die meisten gesunden Erwachsenen, die ihren Ernährungsstatus beobachten möchten, werden Messungen ein- bis zweimal pro Jahr als hilfreich beschrieben. Der Nutzen dieser Häufigkeit ist jedoch nicht unabhängig klinisch geprüft; die Angabe weicht zudem von der jährlichen Kontrolle im Haupttext ab.

Bei einer Erkrankung, die die Aufnahme beeinträchtigt, bei parenteraler Ernährung oder nach einer deutlichen Ernährungsumstellung können häufigere Kontrollen unter ärztlicher Begleitung angemessen sein.

Gibt es Wechselwirkungen zwischen Selen, Schilddrüsenmedikamenten und dem Jodstatus?

Selen und Jod wirken im Stoffwechsel der Schilddrüsenhormone zusammen. Fehlt Jod, kann eine bessere Selenversorgung diesen Engpass nicht beheben. Umgekehrt gleicht mehr Jod eine unzureichende Selenversorgung nicht aus.

Bei Menschen, die Schilddrüsenhormone als Ersatztherapie einnehmen, verändert der Selenstatus wahrscheinlich nicht unmittelbar die Wirkung des Medikaments. Eine unzureichende Versorgung kann jedoch beeinflussen, wie gut die Schilddrüse selbst funktioniert. Welche gemeinsamen Untersuchungen und welche Entscheidungen über eine Supplementierung sinnvoll sind, lässt sich am besten mit einer Ärztin oder einem Arzt klären, die oder der die Schilddrüsenvorgeschichte kennt.

Literatur

Hinweis: Die Zuordnung einzelner Aussagen zu den Literaturangaben ist teilweise offen; passende Belege fehlen oder sind noch nicht eindeutig zugeordnet. Die verlinkten Datensätze sind nicht unabhängig geprüft.

  • Lippman SM, Klein EA, Goodman PJ, Lucia MS, Thompson IM, Ford LG, Parnes HL, Minasian LM, Gaziano JM, Gaziano JM, Hartline JA, Parsons JK, Bearden JD, 3rd, Crawford ED, Goodman GE, Claudio J, Winquist E, Cook ED, Karp DD, Walther P, … Coltman CA, Jr. (2009). Effect of selenium and vitamin E on risk of prostate cancer and other cancers: the Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial (SELECT). JAMA, 301(1), 39-51. https://doi.org/10.1001/jama.2008.864. PubMed
  • Stranges S, Marshall JR, Natarajan R, Donahue RP, Trevisan M, Combs GF, Cappuccio FP, Ceriello A, Reid ME (2007). Effects of long-term selenium supplementation on the incidence of type 2 diabetes: a randomized trial. Annals of internal medicine, 147(4), 217-23. https://doi.org/10.7326/0003-4819-147-4-200708210-00175. PubMed
  • Hurst R, Armah CN, Dainty JR, Hart DJ, Teucher B, Goldson AJ, Broadley MR, Motley AK, Fairweather-Tait SJ (2010). Establishing optimal selenium status: results of a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. The American journal of clinical nutrition, 91(4), 923-31. https://doi.org/10.3945/ajcn.2009.28169. PubMed
  • Wichman J, Winther KH, Bonnema SJ, Hegedüs L (2016). Selenium Supplementation Significantly Reduces Thyroid Autoantibody Levels in Patients with Chronic Autoimmune Thyroiditis: A Systematic Review and Meta-Analysis. Thyroid, 26(12), 1681-1692. https://doi.org/10.1089/thy.2016.0256. PubMed
  • Zuo Y, Li Y, Gu X, Lei Z (2021). The correlation between selenium levels and autoimmune thyroid disease: a systematic review and meta-analysis. Annals of palliative medicine, 10(4), 4398-4408. https://doi.org/10.21037/apm-21-449. PubMed